Stellen Sie sich vor, Sie stehen neben einer Person, die nicht mehr reagiert. Der Atem ist flach oder gar nicht hörbar. Die Haut wirkt blass oder bläulich. In diesem Moment zählt jede Sekunde. Eine Überdosis ist ein medizinischer Notfall, bei dem eine Person zu viele Substanzen (Drogen, Alkohol, Medikamente) aufgenommen hat und lebenswichtige Funktionen wie Atmung und Kreislauf versagen können. Die meisten Todesfälle durch Überdosierungen sind vermeidbar - wenn Zeugen sofort und richtig handeln. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen Schritt für Schritt, was Sie tun müssen, während Sie auf den Rettungsdienst warten.
Sofortiges Handeln: Die ersten Minuten entscheiden
Wenn Sie vermuten, dass jemand eine Überdosis erlitten hat, zögern Sie nicht. Panik hilft niemandem, aber strukturiertes Handeln kann ein Leben retten. Die erste und wichtigste Regel lautet: Rufen Sie sofort den Notruf an. In der Schweiz ist dies die Nummer 144 (Rettungsdienst) oder die 112 (europäischer Notruf). Auch wenn Sie unsicher sind, ob es wirklich eine Überdosis ist, lassen Sie den Einsatzleiter am Telefon entscheiden. Es ist besser, einmal falsch alarmiert zu haben, als eine Chance auf Rettung zu verpassen.
Während Sie den Anruf tätigen oder direkt danach, prüfen Sie den Zustand der Person. Schütteln Sie sie sanft und rufen Sie laut ihren Namen. Reagiert sie nicht, atmet sie? Legen Sie Ihr Ohr nahe an Mund und Nase der Person. Fühlen Sie Luft? Sehen Sie, ob sich der Brustkorb hebt und senkt? Achten Sie auch auf unregelmäßige, keuchende oder schnarchende Geräusche. Diese „Sterneatmung“ ist ein klassisches Warnzeichen für eine Opioid-Überdosis und bedeutet oft, dass die Atmung aussetzt.
| Symptom | Beschreibung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Bewusstlosigkeit | Person lässt sich nicht wecken, reagiert nicht auf Schmerzreize | Kritischer Zustand, sofortiger Handlungsbedarf |
| Langsame oder fehlende Atmung | Weniger als 8 Atemzüge pro Minute, Keuchen, Schnarchen | Gefahr der Atemstillstands und Sauerstoffmangels im Gehirn |
| Bläuliche Verfärbung | Lippen, Fingerspitzen oder Gesichtsfarbe wirken blau/grau | Zeichen für starken Sauerstoffmangel (Zyanose) |
| Pupillenreaktion | Sehr kleine Pupillen (Nadelköpfe) bei Opioiden; normale Größe möglich bei Fentanyl | Hilft bei der Einschätzung, ist aber kein alleiniges Kriterium |
Die richtige Positionierung: Seitliche Lagerung
Ist die Person bewusstlos, aber sie atmet noch regelmäßig, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage. Dies verhindert, dass sie an Erbrochenem erstikt, da das Erbrechen bei Überdosierungen häufig vorkommt. Rollern Sie die Person vorsichtig zu sich hinüber. Beugen Sie das obere Bein im Hüft- und Kniegelenk um etwa 90 Grad, damit die Person stabil liegt. Neigen Sie den Kopf leicht nach hinten, um die Atemwege frei zu halten. Überprüfen Sie alle paar Minuten, ob die Atmung weiterhin vorhanden ist. Bleiben Sie bei der Person, bis der Rettungsdienst eintrifft.
Wenn die Person jedoch nicht mehr atmet oder nur unregelmäßig keucht, reicht die Seitenlage nicht aus. Sie müssen sofort mit der Beatmung beginnen. Hier kommt es auf Präzision an. Legen Sie die Person auf den Rücken. Führen Sie den Kopfhoch-Kinn-Hoch-Manöver durch: Drücken Sie mit einer Hand auf die Stirn und heben Sie mit der anderen Hand das Kinn an, um den Hals zu strecken. Dadurch öffnen sich die Atemwege. Decken Sie dann den Mund der Person vollständig ab und blasen Sie Luft hinein. Ein Atemzug sollte etwa eine Sekunde dauern und sichtbar den Brustkorb anheben. Vermeiden Sie es, stark in den Magen zu blasen, da dies zu Erbrechen führen kann.
Naloxon: Das Gegenmittel bei Opioid-Überdosierungen
Falls Sie Naloxon ist ein opioidantagonistisches Medikament, das die Wirkung von Opioiden wie Heroin, Morphin oder Fentanyl schnell blockieren und die Atmung wiederherstellen kann. verfügbar haben, nutzen Sie es. Naloxon wirkt spezifisch gegen Opioide. Es hat keine Wirkung bei Überdosierungen durch Alkohol, Benzodiazepine oder Stimulanzien. Dennoch ist es ratsam, Naloxon zu verabreichen, wenn Sie unsicher sind, welche Substanz eingenommen wurde, da es in diesen Fällen schadet. In der Schweiz ist Naloxon oft in Nasensprays erhältlich.
So wenden Sie Nasenspray an:
- Lassen Sie die Person仰面 liegen.
- Neigen Sie den Kopf leicht nach hinten.
- Spritzen Sie die Dosis fest in eines der Nasenlöcher. Halten Sie das Spray etwa 2-3 Sekunden lang gedrückt.
- Massieren Sie die Nasenflügel kurz zusammen, damit das Medikament verteilt wird.
Es kann 2 bis 3 Minuten dauern, bis das Naloxon wirkt. Wenn sich innerhalb dieser Zeit nichts ändert, können Sie eine zweite Dosis verabreichen. Wichtig: Selbst wenn die Person wieder anfängt zu atmen, rufen Sie trotzdem den Rettungsdienst. Die Wirkung von Naloxon hält oft kürzer an als die der eingenommenen Droge. Die Person könnte erneut in einen Atemstillstand verfallen, sobald das Naloxon abgebaut ist. Dieses Phänomen nennt man „Re-narcotization“.
Unterschiede zwischen Substanzen: Nicht alles ist gleich
Nicht jede Überdosis sieht gleich aus. Während Opioide die Atmung dämpfen, können Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamine zu einem gefährlichen Anstieg der Körpertemperatur und des Herzschlags führen. Bei Verdacht auf eine Stimulanzien-Überdosis priorisieren Sie das Abkühlen der Person. Entfernen Sie überschüssige Kleidung und kühlen Sie sie äußerlich ab, zum Beispiel mit feuchten Tüchern. Vermeiden Sie jedoch kalte Duschen oder Eisbäder, da dies zu Herzrhythmusstörungen führen kann. Bieten Sie Wasser an, wenn die Person wach und schlucken kann, aber zwingen Sie sie nicht dazu, um Erstickungsgefahr zu vermeiden.
Bei Alkohol-Überdosierungen ist das Risiko des Erstikkens besonders hoch, da der Würgereflex unterdrückt wird. Hier ist die stabile Seitenlage entscheidend. Auch hier gilt: Keine Nahrung oder Getränke geben, wenn die Person nicht vollständig清醒 ist.
Was Sie auf keinen Fall tun sollten
In Stresssituationen sind Menschen versucht, Dinge zu tun, die intuitiv erscheinen, aber gefährlich sein können. Vermeiden Sie folgende Fehler:
- Kaffee oder kaltes Wasser: Wecken Sie die Person nicht mit kaltem Wasser oder lauten Geräuschen. Dies führt nicht zur Bewusstwerdung und erhöht das Risiko von Krampfanfällen oder Aspiration (Einatmen von Flüssigkeit).
- Erzwungenes Erbrechen: Versuchen Sie niemals, die Person zum Erbrechen zu bringen. Bei Bewusstlosigkeit oder vermindertem Bewusstsein erstikt sie an ihrem eigenen Erbrochenen.
- Abwarten: Glauben Sie nicht, dass die Person „nur schläft“. Wenn Sie sie nicht wecken können und die Atmung beeinträchtigt ist, handelt es sich um einen Notfall.
- Allein bleiben: Lassen Sie die Person nie allein. Beobachten Sie kontinuierlich ihre Atmung und ihr Bewusstsein.
Rechtliche Sicherheit und psychologische Hürden
Viele zögern, den Rettungsdienst zu rufen, aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen für sich selbst oder die betroffene Person wegen Besitzes illegaler Substanzen. In der Schweiz gelten sogenannte Good Samaritan Laws (Gutes-Samariter-Gesetze). Wer bei einer akuten Gesundheitsgefahr Hilfe ruft, wird in der Regel nicht bestraft. Das Wohl der Person steht über dem Besitzvergehen. Zögern Sie also nicht aus rechtlichen Gründen. Der Rettungsdienst ist anonymisierend tätig und konzentriert sich ausschließlich auf die medizinische Versorgung.
Auch die Angst, etwas falsch zu machen, lähmt viele. Denken Sie daran: Jeder Versuch, die Atmung aufrechtzuerhalten, ist besser als Untätigkeit. Selbst wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Beatmung perfekt ist, liefern Sie Sauerstoff ins Gehirn. Das ist das Ziel. Professionelle Helfer werden vor Ort übernehmen und weiterbehandeln.
Nach dem Notfall: Was jetzt kommt
Wenn der Rettungsdienst eintrifft, erklären Sie kurz und knapp, was geschehen ist. Welche Substanzen waren beteiligt? Wann wurden sie eingenommen? Wurde Naloxon gegeben? Wie viele Dosen? Diese Informationen helfen den Ärzten enorm bei der weiteren Behandlung. Begleiten Sie die Person ins Krankenhaus, falls möglich. Nach einer Überdosis besteht das Risiko von Komplikationen wie Lungenentzündung durch Aspirationspneumonie oder neurologischen Schäden. Eine stationäre Beobachtung ist oft notwendig.
Für Sie als Helfer kann die Situation belastend sein. Es ist normal, afterwards shaken oder ängstlich zu sein. Sprechen Sie darüber. Suchen Sie Unterstützung, falls nötig. Prävention ist der beste Schutz. Informieren Sie sich über Risikoreduktion, tragen Sie Naloxon bei sich, wenn Sie in riskanten Umgebungen unterwegs sind, und sprechen Sie offen mit Ihrem Umfeld über Drogenkonsum und seine Gefahren.
Wie erkenne ich, ob jemand eine Überdosis erlitten hat?
Warnsignale sind Bewusstlosigkeit, die nicht durch Schütteln oder Rufen beendet werden kann, sowie langsame, flache oder fehlende Atmung. Weitere Anzeichen sind bläuliche Lippen oder Fingernägel, sehr kleine Pupillen (bei Opioiden) und ein kalter, clammy Körper. Wenn Sie unsicher sind, gehen Sie immer von einer Überdosis aus und rufen Sie den Rettungsdienst.
Ist es legal, Naloxon in der Schweiz zu besitzen und anzuwenden?
Ja, in der Schweiz ist der Besitz und die Anwendung von Naloxon durch Laien zur Lebensrettung erlaubt und wird gefördert. Viele Harm-Reduction-Anbieter verteilen Naloxon-Nasensprays kostenlos oder gegen eine kleine Spende. Schulungen zur Anwendung sind ebenfalls weit verbreitet.
Muss ich CPR (Herzdruckmassage) bei einer Überdosis durchführen?
Bei einer reinen Atemstillstand-Überdosis (typisch für Opioide) reicht zunächst die künstliche Beatmung. Herzdruckmassage ist nur erforderlich, wenn kein Puls mehr tastbar ist und die Person seit mehr als 4-6 Minuten nicht geatmet hat. In der Praxis ist es schwierig, einen Puls bei Stress sicher zu fühlen. Wenn Sie unsicher sind, beginnen Sie mit Beatmung und wechseln Sie zur vollständigen Reanimation (30 Druckmassagen : 2 Beatmungen), wenn sich nichts verbessert.
Was tue ich, wenn die Person nach Naloxon-Gabe wieder erwacht?
Bleiben Sie ruhig und beruhigend. Die Person kann verwirrt, aggressiv oder entzugsartig reagieren. Halten Sie sie davon ab, sofort wieder Drogen zu konsumieren. Rufen Sie trotzdem den Rettungsdienst, da die Wirkung von Naloxon nachlässt und die Überdosis-Wirkung zurückkehren kann. Begleiten Sie die Person zur medizinischen Versorgung.
Kann ich bei einer Überdosis durch Alkohol oder Benzos Naloxon verwenden?
Naloxon wirkt nur gegen Opioide. Bei Alkohol- oder Benzodiazepin-Überdosierungen hat es keine Wirkung. Da es aber harmlos ist, wenn keine Opioide beteiligt sind, können Sie es anwenden, wenn Sie die Substanz nicht kennen. Konzentrieren Sie sich bei nicht-opioiden Überdosierungen auf die Aufrechterhaltung der Atemwege (Seitenlage) und die Überwachung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.
Geschrieben von Fenja Berwald
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