Preisdruck und Lieferengpässe: Finanzielle Belastung von Herstellern im Gesundheitswesen

10

Im Jahr 2025 steht die pharmazeutische Industrie vor einer der schwerwiegendsten Krisen seit Jahrzehnten: gleichzeitig steigen die Kosten für Rohstoffe, treten Lieferengpässe auf, und die Preise für Medikamente bleiben unter Druck. Hersteller müssen zwischen der Notwendigkeit, ihre Produktionskosten zu decken, und dem politischen und gesellschaftlichen Druck, Medikamente bezahlbar zu halten, balancieren. Die Folge: Margen schrumpfen, Fabriken reduzieren die Produktion, und Patienten bekommen nicht mehr, was sie brauchen.

Warum sind Medikamente plötzlich teurer - und trotzdem knapp?

Es klingt widersprüchlich: Wenn die Kosten für Rohstoffe steigen, sollte man erwarten, dass die Preise für Medikamente auch steigen. Doch das passiert nicht immer. Stattdessen sehen viele Hersteller sich gezwungen, ihre Preise kaum zu erhöhen - weil Apotheken, Krankenhäuser und Krankenkassen strikte Preisobergrenzen haben. Gleichzeitig werden wichtige Wirkstoffe wie Insulin, Antibiotika oder Chemotherapeutika immer schwerer zu beschaffen. Warum?

Die Ursachen liegen in einer Kette von Störungen. Zunächst: Die Preise für chemische Grundstoffe sind seit 2023 um durchschnittlich 2,7 % pro Jahr gestiegen. Besonders betroffen sind Rohstoffe wie Penicillin-G ist ein Beispiel für einen Wirkstoff, dessen Herstellung in Indien und China konzentriert ist und dessen Kosten durch Handelszölle und Logistikengpässe um bis zu 18 % gestiegen sind. Zweitens: Die globale Produktion von seltene Erden und Halbleiter - beide unverzichtbar für moderne Fertigungsanlagen - ist durch geopolitische Spannungen und Umweltvorschriften stark eingeschränkt. Drittens: Viele Hersteller haben in den letzten Jahren ihre Produktionsstätten in Länder mit niedrigeren Löhnen verlagert, doch diese Standorte sind jetzt anfällig für Störungen durch Naturkatastrophen, politische Unruhen oder neue Exportbeschränkungen.

Ein konkretes Beispiel: Ein Hersteller von Antibiotika aus der Schweiz musste 2024 seine Produktion um 30 % reduzieren, weil ein wichtiger Zulieferer in Indien aufgrund von Überschwemmungen drei Monate lang nicht liefern konnte. Gleichzeitig durfte er den Preis für das Medikament nicht erhöhen - weil die Krankenkassen den Preis auf 1,20 Euro pro Tablette begrenzten. Der Hersteller musste 14 % seiner Margen einbüßen. Das ist kein Einzelfall.

Wie sich die Finanzkraft von Herstellern auflöst

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut einer Umfrage der Manufacturers Alliance aus Q1 2025 haben 86 % der pharmazeutischen Hersteller angegeben, dass steigende Rohstoffkosten ihre größte finanzielle Belastung darstellen. 78 % erwarten, dass dieser Druck bis mindestens 2026 anhält. Und 63 % haben ihre Investitionen in neue Maschinen oder Forschung bereits gestrichen, um die laufenden Kosten zu decken.

Was passiert, wenn ein Hersteller nicht mehr investieren kann? Die Produktionsanlagen altern. Die Qualitätssicherung wird weniger streng. Die Fehlerrate steigt. Und irgendwann wird ein Medikament einfach nicht mehr produziert - nicht weil niemand es braucht, sondern weil es wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist.

Ein weiterer Faktor: Die Zölle. In den USA, der EU und auch in der Schweiz haben Handelsbeschränkungen für chemische Vorprodukte die Importkosten um 10-11,5 % erhöht. Diese Zölle sind nicht auf einmal eingeführt worden - sie kamen schrittweise, oft ohne Vorwarnung. Hersteller konnten ihre Preise nicht rechtzeitig anpassen. Die Folge: Sie mussten entweder Verluste akzeptieren oder die Produktion einstellen.

Ein CFO eines mittelständischen Herstellers aus Aarau beschrieb es so: „Wir haben drei Lieferanten für einen Schlüsselwirkstoff. Zwei haben ihre Preise um 20 % erhöht. Der dritte hat uns abgesagt - weil er selbst nicht genug Rohstoffe bekommt. Jetzt müssen wir warten, bis ein neuer Lieferant zugelassen wird. Das dauert 18 Monate. In der Zwischenzeit haben wir keine Lieferungen mehr.“

Kranke Patienten greifen nach einem zerbrochenen Medikamentenfläschchen, während unsichtbare Behörden sie zurückhalten.

Warum die Preise nicht steigen - auch wenn sie müssten

Die größte Falle für Hersteller ist nicht der hohe Preis - sondern die fehlende Preisfreiheit. In der Schweiz, Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern unterliegen Arzneimittel strengen Preisregulierungen. Die Krankenkassen verhandeln jährlich mit Herstellern, wie viel sie für ein Medikament zahlen dürfen. Wenn ein Hersteller einen Preisvorschlag macht, der zu hoch ist, wird er abgelehnt - und das Medikament wird nicht mehr in den Katalog aufgenommen.

Das führt zu einem paradoxen Effekt: Hersteller, die erfolgreich sind, werden bestraft. Wenn sie ihre Produktionskosten durch bessere Technik oder Effizienz senken, werden die Krankenkassen einfach den Preis noch weiter senken. Der Hersteller hat dann weniger Gewinn - aber keine Möglichkeit, ihn durch höhere Verkaufszahlen auszugleichen.

Ein Beispiel: Ein Krebsmedikament, das 2020 noch 250 Euro pro Packung kostete, wurde 2024 auf 180 Euro reduziert, weil der Hersteller seine Produktionskosten durch Automatisierung gesenkt hatte. 2025 stiegen die Rohstoffe um 19 % - aber der Preis blieb bei 180 Euro. Der Hersteller verlor 12 % seiner Margen. Er hat nun zwei Optionen: entweder die Produktion einstellen - oder weiter Verluste machen. Beides ist keine langfristige Lösung.

Was passiert, wenn ein Medikament nicht mehr hergestellt wird

Es gibt keine offizielle Liste, die sagt, welches Medikament wo fehlt. Aber Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser wissen es: In 2025 waren mehr als 120 Wirkstoffe in Europa knapp oder gar nicht verfügbar. Einige davon sind lebenswichtig - wie Dexamethason für schwere Entzündungen, Furosemid für Herzinsuffizienz oder Methotrexat für Rheuma und Krebs.

Wenn ein Medikament nicht mehr verfügbar ist, müssen Ärzte auf Alternativen ausweichen. Das ist nicht immer einfach. Ein Patient mit rheumatoider Arthritis, der seit zehn Jahren Methotrexat nimmt, kann nicht einfach auf ein anderes Medikament umsteigen - weil es andere Nebenwirkungen hat oder nicht so wirkt. Manche Patienten warten Wochen, bis ein Ersatzmedikament verfügbar ist. Manche sterben.

Die Auswirkungen sind nicht nur medizinisch - sie sind auch sozial. Patienten, die auf bestimmte Medikamente angewiesen sind, reisen jetzt oft ins Ausland, um sie zu kaufen. Einige bezahlen mehr als 1.000 Euro für eine Packung, die in der Schweiz nur 200 Euro kosten würde - wenn sie verfügbar wäre.

Eine Ingenieurin verwandelt eine Fabrik in eine digitale Verteidigungsanlage, um Lieferengpässe mit KI und vernetzten Netzwerken zu bekämpfen.

Lösungsansätze: Was funktioniert - und was nicht

Einige Hersteller haben begonnen, neue Strategien zu entwickeln. Die erfolgreichsten setzen auf drei Säulen:

  1. Dual-Sourcing: Sie beziehen kritische Rohstoffe nicht mehr von einem einzigen Land, sondern von zwei oder drei unabhängigen Lieferanten. 53 % der Hersteller nutzen diese Strategie heute - 2023 waren es nur 29 %.
  2. Dynamische Preisgestaltung: Einige Unternehmen nutzen Algorithmen, die Preise je nach Lieferengpass, Rohstoffkosten und Nachfrage automatisch anpassen. Ein Hersteller aus Zürich konnte so seine Margenverluste von 8,3 % auf 2,1 % reduzieren, obwohl die Rohstoffkosten um 15,7 % stiegen.
  3. Digitale Lieferketten: Mit IoT-Sensoren und KI-Tools können Hersteller jetzt vorhersagen, wann ein Rohstoff knapp wird - und rechtzeitig Ersatz bestellen. Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad haben 12,7 % niedrigere Lagerkosten und 14,2 % höhere Effizienz.

Aber nicht alle können das leisten. Kleinere Hersteller haben nicht die Ressourcen, in Software, Datenanalysen oder neue Lieferanten zu investieren. Sie sind die ersten, die aufgeben - und damit die ersten, die aus dem Markt verschwinden.

Was kommt als Nächstes?

Die Experten sind sich einig: Die Krise wird sich nicht in einem Jahr lösen. Die OECD prognostiziert, dass die Kosten für pharmazeutische Rohstoffe bis 2030 um 1,5-2,0 % höher bleiben werden als vor der Pandemie. Die Produktion wird sich nicht mehr so konzentrieren wie früher - in wenigen Ländern. Stattdessen wird die Produktion regionaler, aber teurer.

Die Schweiz, mit ihrem hohen Qualitätsanspruch und ihren strengen Regulierungen, ist besonders betroffen. Wir haben keine großen Rohstoffvorkommen. Wir importieren fast alles. Und wir zahlen hohe Löhne. Das macht uns anfällig - aber auch innovativ. Die Hersteller, die jetzt in digitale Systeme, flexible Lieferketten und kluge Preisstrategien investieren, werden überleben. Die anderen werden verschwinden.

Und was bleibt für die Patienten? Die Hoffnung: Dass Politik und Industrie endlich zusammenarbeiten - nicht gegen einander. Dass Preisregulierungen nicht nur auf Kostenreduktion abzielen, sondern auch auf Nachhaltigkeit und Verfügbarkeit. Dass ein Medikament nicht nur als Kostenposten gesehen wird - sondern als Lebenslinie.

Warum steigen die Kosten für Arzneimittel, obwohl die Preise nicht erhöht werden dürfen?

Die Kosten steigen, weil Rohstoffe, Energie und Logistik teurer werden - aber die Preise für Medikamente werden von Krankenkassen und Behörden begrenzt. Hersteller können die Preise nicht einfach anpassen, selbst wenn ihre Produktionskosten steigen. Das führt zu Margenverlusten, und viele produzieren deshalb weniger - oder stellen ganz ein.

Welche Medikamente sind besonders betroffen?

Besonders betroffen sind Medikamente, deren Wirkstoffe aus wenigen Ländern stammen - wie Antibiotika, Chemotherapeutika, Insulin oder Steroide. Diese Wirkstoffe werden oft in Indien, China oder Russland hergestellt. Geopolitische Spannungen, Naturkatastrophen oder Exportverbote führen hier schnell zu Lieferengpässen.

Können Hersteller einfach mehr produzieren, wenn die Nachfrage steigt?

Nein. Pharmazeutische Produktion ist nicht wie das Herstellen von T-Shirts. Es braucht spezielle Anlagen, strenge Qualitätskontrollen, lange Zulassungsverfahren und hochqualifizierte Mitarbeiter. Neue Produktionslinien dauern mindestens zwei Jahre, bis sie genehmigt und betriebsbereit sind. In der Zwischenzeit bleibt die Versorgung lückenhaft.

Was tun Apotheken, wenn ein Medikament nicht verfügbar ist?

Apotheken versuchen, Ersatzmedikamente zu finden - aber nicht alle sind gleich wirksam oder verträglich. In manchen Fällen müssen Ärzte Rezepte umschreiben, was zu Verzögerungen und Risiken führt. Manche Apotheken importieren Medikamente aus dem Ausland - aber das ist teuer, rechtlich riskant und nicht immer legal.

Kann die Schweiz mehr selbst produzieren, um unabhängiger zu werden?

Theoretisch ja - aber es ist sehr teuer. Die Schweiz hat zwar hohe technische Standards, aber keine großen Rohstoffvorkommen. Die Lohnkosten sind hoch, und die Umweltvorschriften streng. Einheimische Produktion würde die Preise für Medikamente deutlich erhöhen - was politisch und sozial kaum durchsetzbar wäre. Der Weg liegt daher in internationalen Allianzen und diversifizierten Lieferketten - nicht in Autarkie.

10 Kommentare

  • Image placeholder

    Teresa Klein

    Februar 12, 2026 AT 06:13

    Ich hab letzte Woche mein Insulin nicht bekommen, weil die Apotheke gesagt hat, die Lieferung ist 'verzögert'. Drei Tage gewartet. Drei Tage, in denen ich nicht wusste, ob ich morgen noch aufstehen kann. Das ist kein 'Systemproblem', das ist Leben und Tod. Warum muss es immer erst so weit kommen, bis jemand was tut?

  • Image placeholder

    Mirjam Mary

    Februar 12, 2026 AT 08:26

    Die Zahlen im Artikel sind korrekt, aber es fehlt ein wichtiger Punkt: Die Zulassungsverfahren in der EU sind extrem langsam. Selbst wenn ein Hersteller einen neuen Lieferanten hat, dauert es 18-24 Monate, bis das Medikament wieder zugelassen ist. Das ist kein Marktversagen, das ist Bürokratie. Und die Politik redet lieber über Preise, als über Prozesse.

  • Image placeholder

    Johannes Lind

    Februar 13, 2026 AT 14:28

    Interessant, wie hier alle nur über Kosten reden, als wäre das das Einzige, was zählt. Aber wer denkt mal über die Qualität? Wenn man jetzt billigere Lieferanten nimmt, weil 'die Notwendigkeit' es erfordert – dann wird das Medikament nicht nur teurer, sondern auch gefährlicher. Und dann kommt die nächste Krise: Medikamentenversagen. Das ist keine Prognose, das ist eine logische Folge.

  • Image placeholder

    Elke Naber

    Februar 15, 2026 AT 10:01

    Es ist paradox, dass wir ein System haben, das darauf ausgelegt ist, Leben zu retten – und dann systematisch alle Anreize dafür abbaut. Wir verlangen Nachhaltigkeit, aber wir zahlen nicht dafür. Wir fordern Innovation, aber wir bestrafen sie, wenn sie funktioniert. Vielleicht ist das nicht eine Krise der Pharmaindustrie – sondern eine Krise der Moral. Was ist uns ein Mensch wert? Und wie viel bereit sind wir, dafür zu opfern? Nicht nur Geld, sondern auch Komfort, Effizienz, Kontrolle.

  • Image placeholder

    Erich Senft

    Februar 15, 2026 AT 12:52

    Ich finde es bemerkenswert, dass niemand den Punkt anspricht, dass wir hier ein klassisches Tragik der Commons-Problem haben. Jeder will billige Medikamente – aber keiner will die Kosten tragen, die nötig sind, um sie zu produzieren. Und wenn keiner zahlt, bricht das System zusammen. Das ist kein Versagen der Industrie – das ist ein Versagen der Gesellschaft, die nicht bereit ist, die Wahrheit zu akzeptieren: Leben hat einen Preis. Und wir weigern uns, ihn zu zahlen.

  • Image placeholder

    Eduard Schittelkopf

    Februar 16, 2026 AT 12:41

    Ich hab gestern mit meiner Mutter geredet… sie nimmt Methotrexat seit 12 Jahren… letzte Woche war es aus… sie hat drei Wochen gewartet… und jetzt hat sie Schmerzen, die sie nicht mehr aushält… und die Ärzte sagen: 'Wir versuchen was anderes.' Aber es ist nicht dasselbe… es ist nicht dasselbe… es ist nicht…

  • Image placeholder

    Smith Schmidt

    Februar 17, 2026 AT 22:05

    Die Lösung ist nicht, mehr zu produzieren – sondern anders zu produzieren. Die meisten Hersteller setzen immer noch auf zentrale, große Fabriken. Aber das ist veraltet. Heute gibt es modulare, kleine Produktionsanlagen, die man in der Nähe von Märkten aufbauen kann – mit weniger Rohstofftransport, schnelleren Zulassungen und höherer Resilienz. Die Schweiz könnte das voranbringen – mit staatlichen Förderprogrammen, die nicht auf Kostensenkung, sondern auf Systemstabilität abzielen. Es gibt Technologien, die das ermöglichen. Aber die Politik investiert nicht in Zukunft – sie investiert in Pressemitteilungen.

  • Image placeholder

    Dirk Grützmacher

    Februar 19, 2026 AT 05:35

    Was für ein Unsinn. Die Pharma-Industrie ist eine Betrugswirtschaft. Sie macht Milliarden Gewinn, und jetzt plötzlich 'keine Margen'? Lügen. Die Preise sind künstlich niedrig, weil die Konzerne die Regierungen bestochen haben. Und jetzt, wo sie nicht mehr zahlen können, spielen sie die Opferrolle. Die Lösung? Enteignet sie. Oder zwingt sie, ihre Gewinne zu teilen. Nicht mehr, nicht weniger.

  • Image placeholder

    Callie Mayer

    Februar 20, 2026 AT 07:54

    China und Indien kontrollieren alles. Und wer zahlt? Wir. Die EU lässt das zu. Warum? Weil die Politiker in Brüssel und Berlin von den gleichen Leuten bezahlt werden, die die Rohstoffe liefern. Das ist kein Zufall. Das ist geplant. Die ganze 'Krise' ist ein Vorwand, um die letzte Kontrolle über unsere Gesundheit abzutreten. Und dann kommt der nächste Schritt: Digitale Impfzertifikate, Zwangsimpfungen, Gesundheits-Apps – und dann bist du nicht mehr krank, sondern 'nicht kompatibel'.

  • Image placeholder

    Teresa Klein

    Februar 20, 2026 AT 20:58

    Du hast recht, Dieter. Aber wir reden doch hier über Menschen, die sterben, weil sie kein Medikament bekommen. Nicht über Konzerne. Nicht über Politik. Über MENSCHEN. Und wenn du das nicht siehst, dann bist du nicht nur naiv – du bist gefährlich.

Schreibe einen Kommentar

*

*

*