Fast jeder dritte Erwachsene in der Schweiz hat Hochblutdruck. Doch viele wissen nicht, dass ihre Medikamente dafür verantwortlich sein könnten. Es ist kein seltenes Phänomen: medikamenteninduzierter Hochblutdruck betrifft 2 bis 5 % aller Bluthochdruck-Patienten - das sind Tausende Menschen, die jahrelang unnötig unter hohen Werten leiden, weil niemand auf die Ursache achtet. Die gute Nachricht: In vielen Fällen lässt sich der Blutdruck einfach normalisieren, wenn man das auslösende Medikament wechselt oder abschaltet.
Welche Medikamente heben den Blutdruck wirklich?
Nicht nur verschreibungspflichtige Tabletten, sondern auch rezeptfreie Mittel und Nahrungsergänzungen können den Blutdruck nach oben treiben. Die häufigsten Übeltäter sind:- NSAIDs wie Ibuprofen (Advil, Motrin) oder Naproxen (Aleve): Diese Schmerzmittel hemmen körpereigene Substanzen, die Blutgefäße weiten und überschüssiges Salz ausscheiden. Bei Menschen mit bereits erhöhtem Blutdruck kann eine tägliche Dosis von 400 mg Ibuprofen den systolischen Wert innerhalb von zwei Wochen um 5 bis 10 mm Hg erhöhen - das ist so viel wie bei einem leichten Stressmoment, aber dauerhaft.
- Corticosteroide wie Prednison: Wer sie wegen Entzündungen, Allergien oder Autoimmunerkrankungen nimmt, läuft Gefahr, innerhalb von Tagen einen starken Blutdruckanstieg zu entwickeln. Bei Dosen über 20 mg täglich steigt das Risiko auf über 50 %. Der Körper speichert Flüssigkeit, das Blutvolumen erhöht sich - und der Druck in den Arterien mit.
- Decongestiva mit Pseudoephedrin oder Phenylephrin: Diese Wirkstoffe in Erkältungsmitteln verengen die Blutgefäße, um verstopfte Nasen zu lüften. Ein einzelnes Tablet kann den systolischen Blutdruck um 5 bis 10 mm Hg steigern - und die Wirkung hält bis zu 12 Stunden an. Bei älteren Patienten oder Menschen mit Herzproblemen ist das riskant.
- Antidepressiva wie Venlafaxin (Effexor): Besonders bei Dosen über 150 mg täglich steigt der Blutdruck bei 8 bis 15 % der Patienten. Der Wirkmechanismus ist einfach: Das Medikament erhöht die Konzentration von Noradrenalin im Gehirn - und das wirkt auch auf die Blutgefäße.
- Stimulanzien für ADHS wie Methylphenidat oder Dextroamphetamin: Bis zu 25 % der Nutzer entwickeln einen erhöhten Blutdruck. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, deren Herz-Kreislauf-System noch nicht voll ausgereift ist.
- St. John’s Wort und andere Kräuter: Viele Patienten nehmen pflanzliche Mittel ohne Rücksprache mit dem Arzt. St. John’s Wort kann die Wirkung von Blutdruckmedikamenten stören und selbst den Blutdruck erhöhen - oft bis zur hypertensiven Krise.
Was viele nicht wissen: Auch Kombinationen aus mehreren dieser Mittel können sich addieren. Eine Studie zeigte, dass 28 % der Patienten mit therapieresistentem Hochblutdruck zwei oder mehr blutdrucksteigernde Substanzen gleichzeitig einnehmen - und keiner hat das je thematisiert.
Wie erkennt man, dass ein Medikament der Auslöser ist?
Ein medikamenteninduzierter Hochblutdruck hat oft keine typischen Symptome. Kein Kopfschmerz, kein Schwindel - nur die Zahlen auf dem Blutdruckmessgerät sagen die Wahrheit. Deshalb ist die Timing-Analyse entscheidend:- Wann haben Sie mit dem neuen Medikament begonnen?
- Wann sind Ihre Blutdruckwerte zum ersten Mal gestiegen?
- Waren sie vorher stabil - und dann plötzlich nicht mehr?
Wenn die Werte innerhalb von Tagen oder Wochen nach Beginn eines Medikaments steigen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es daran liegt. Besonders kritisch ist es, wenn der Blutdruck trotz mehrerer Medikamente nicht unter Kontrolle zu bringen ist - das ist ein klassisches Zeichen für eine medikamenteninduzierte Ursache.
Ein Beispiel aus der Praxis: Eine 68-jährige Patientin mit gut kontrolliertem Blutdruck (125/80) begann nach einer Bandscheibenoperation täglich 400 mg Ibuprofen einzunehmen. Nach drei Wochen stieg ihr Blutdruck auf 155/95. Kein Arzt fragte nach den Schmerzmitteln. Erst als sie einen neuen Hausarzt aufsuchte - und dieser systematisch alle Medikamente überprüfte - wurde der Zusammenhang erkannt. Nach dem Wechsel zu Paracetamol normalisierte sich ihr Blutdruck innerhalb von 14 Tagen.
Wie wird medikamenteninduzierter Hochblutdruck überwacht?
Einmaliger Blutdruckmessung beim Arzt reicht nicht aus. Die beste Methode ist die häusliche Blutdruckmessung (HBPM):- Messen Sie zweimal täglich (morgens und abends) für sieben Tage, bevor Sie ein neues Medikament starten.
- Notieren Sie jeden Wert - inklusive Datum und Uhrzeit.
- Berechnen Sie den Durchschnitt der letzten sechs Tage (den ersten Tag ignorieren - er ist oft unruhig).
- Wiederholen Sie diese Messung vier Wochen nach einer Dosisänderung oder nach Beginn eines neuen Medikaments.
Für Patienten mit Risikofaktoren - wie Nierenerkrankung, Diabetes oder bereits bestehendem Hochblutdruck - ist die ambulante Blutdruckmessung (ABPM) die Goldstandard-Methode. Dabei trägt man 24 Stunden lang einen kleinen Monitor, der automatisch alle 20 bis 30 Minuten misst. Ein Durchschnittswert von über 130 mm Hg über den ganzen Tag oder über 135 mm Hg tagsüber gilt als diagnostisch relevant.
Bei Corticosteroiden wird sogar empfohlen, täglich den Blutdruck zu messen - besonders auf orthostatische Veränderungen zu achten: Wenn der Wert im Sitzen 140/90 beträgt, aber im Stehen auf 120/75 fällt, liegt ein Flüssigkeitsverschiebung vor, die typisch für Steroide ist.
Wie behandelt man es - ohne das Hauptmedikament aufzugeben?
Die erste Regel: Prüfen, ob das auslösende Medikament weggelassen werden kann. Bei NSAIDs, Decongestiva oder manchen Antidepressiva ist das oft möglich - und führt in 60 bis 70 % der Fälle zur Normalisierung des Blutdrucks.Wenn das Medikament aber lebenswichtig ist - wie Corticosteroide bei Lupus oder Stimulanzien bei ADHS - dann muss man anders vorgehen:
- Erste Wahl für Blutdrucksenkung: Calciumkanalblocker wie Amlodipin oder Thiazid-Diuretika wie Hydrochlorothiazid. Diese wirken direkt gegen die Mechanismen, die durch Medikamente ausgelöst werden - also Flüssigkeitsansammlung und Gefäßverengung.
- Vermeiden Sie Beta-Blocker als Erstlinientherapie. Sie helfen nur bei 45 % der Fälle, weil sie nicht gegen die vaskuläre Verengung wirken. Calciumkanalblocker erreichen dagegen eine Ansprechrate von 72 %.
- Lebensstil ist kein Bonus - er ist Teil der Therapie. Reduzieren Sie Salz auf unter 1.500 mg pro Tag. Essen Sie mehr Bananen, Spinat, Kartoffeln und Avocados - das liefert Kalium, das Salz aus dem Körper spült. Machen Sie 150 Minuten pro Woche moderate Bewegung - Spaziergänge, Fahrradfahren, Schwimmen. Diese Maßnahmen senken den Blutdruck um 5 bis 8 mm Hg - unabhängig von Medikamenten.
Ein weiterer Tipp: Bei Schmerzen lieber Paracetamol (bis zu 3.000 mg/Tag) oder Celecoxib nehmen. Eine Studie zeigte: Celecoxib erhöht den systolischen Blutdruck nur um 2,4 mm Hg - Ibuprofen dagegen um 5,7 mm Hg. Das ist ein klarer Unterschied, der sich über Monate summieren kann.
Warum wird das so oft übersehen?
Die Realität ist bitter: Nur 22 % der Hausärzte in Europa fragen systematisch nach der Einnahme von rezeptfreien Schmerzmitteln bei Patienten mit Hochblutdruck. Viele Patienten denken, „das ist doch nur ein normales Mittelchen“ - und erzählen es nicht. Andere Ärzte glauben, „das ist doch nicht so schlimm“ - und messen nicht nach.Ein Umfrage unter 145.000 Mitgliedern der Reddit-Community r/Hypertension ergab: 68 % der Betroffenen wurden nie vor den Blutdruckwirkungen von Ibuprofen oder Decongestiva gewarnt. Einige berichteten, sie hätten jahrelang Schmerzmittel eingenommen - und erst nach einem Schlaganfall oder einer hypertensiven Krise den Zusammenhang verstanden.
Das Problem ist systemisch. Ärzte bekommen in der Ausbildung kaum Schulung dazu, wie Medikamente den Blutdruck beeinflussen. Eine Studie aus 2022 zeigte: Nur 58 % der Ärzte konnten alle zwölf häufigsten blutdrucksteigernden Medikamente korrekt benennen.
Was können Sie tun?
Sie brauchen keine komplizierte App oder teure Geräte. Aber Sie müssen aktiv werden:- Erstellen Sie eine aktuelle Liste aller Medikamente - verschreibungspflichtig, rezeptfrei, Kräuter, Vitamine, Nahrungsergänzungsmittel.
- Bringen Sie diese Liste zu jeder Arztbesuch - auch wenn Sie nur eine Erkältung haben.
- Fragen Sie direkt: „Kann dieses Medikament meinen Blutdruck beeinflussen?“
- Wenn Sie bereits Bluthochdruck haben: Messen Sie Ihren Blutdruck zu Hause - und zeigen Sie die Werte Ihrem Arzt.
- Wenn Sie Schmerzen haben: Fragen Sie nach Alternativen zu Ibuprofen oder Naproxen.
Ein einfacher Satz - „Könnte das Medikament meinen Blutdruck erhöhen?“ - kann Leben retten. Es ist nicht Ihre Schuld, wenn Sie es nicht wussten. Aber es ist Ihre Kraft, es jetzt zu fragen.
Kann ich Ibuprofen weiternehmen, wenn ich Bluthochdruck habe?
Nein, nicht ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt. Ibuprofen kann den systolischen Blutdruck bei Menschen mit bereits erhöhtem Wert um 5 bis 10 mm Hg erhöhen - das entspricht dem Risiko eines schweren Stressereignisses. Bei längerer Einnahme steigt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Besser ist Paracetamol oder Celecoxib, wenn Schmerzmittel nötig sind. Auch hier: Immer mit Ihrem Arzt abklären.
Wie lange dauert es, bis der Blutdruck nach Absetzen des Medikaments sinkt?
Das hängt vom Medikament ab. Bei NSAIDs oder Decongestiva normalisiert sich der Blutdruck oft innerhalb von 1 bis 4 Wochen. Bei Corticosteroiden kann es bis zu 6 Wochen dauern, da der Körper erst die überschüssige Flüssigkeit abbaut. Bei Antidepressiva wie Venlafaxin kann es 2 bis 8 Wochen dauern, bis sich die Nervenaktivität wieder beruhigt. Wichtig: Messen Sie regelmäßig, auch wenn Sie sich „normal“ fühlen - der Blutdruck zeigt sich nur in den Zahlen.
Sind rezeptfreie Medikamente sicherer als verschreibungspflichtige?
Nein. Viele Patienten denken, dass rezeptfreie Mittel unschädlich sind - aber das ist ein gefährlicher Irrtum. Ibuprofen, Pseudoephedrin, St. John’s Wort und sogar große Mengen Salz in Fertiggerichten können den Blutdruck erhöhen. Rezeptfreie Medikamente werden oft ohne ärztliche Kontrolle eingenommen - genau das macht sie riskant. Jedes Mittel, das den Körper beeinflusst, kann auch den Blutdruck beeinflussen.
Warum helfen Beta-Blocker nicht bei medikamenteninduziertem Hochblutdruck?
Beta-Blocker senken den Herzschlag und die Herzleistung - aber sie wirken nicht gegen die Hauptursache bei medikamenteninduziertem Hochblutdruck: die Verengung der Blutgefäße und die Flüssigkeitsansammlung. Studien zeigen: Nur 45 % der Patienten sprechen auf Beta-Blocker an, während Calciumkanalblocker oder Diuretika bei 72 % wirken. Die Ursache ist vaskulär - die Behandlung muss das auch sein.
Was ist mit Kräutermedizin wie St. John’s Wort?
St. John’s Wort kann den Blutdruck direkt erhöhen - und gleichzeitig die Wirkung von Blutdruckmedikamenten wie ACE-Hemmer oder Beta-Blocker blockieren. In einer Studie stieg der systolische Blutdruck bei 12 % der Patienten, die es einnahmen, um mehr als 15 mm Hg. Viele Patienten nehmen es ohne Wissen ihres Arztes - und erleben plötzlich eine hypertensive Krise. Fragen Sie immer: „Ist dieses Kraut mit meinen Medikamenten verträglich?“
Wie oft sollte ich meinen Blutdruck messen, wenn ich ein Risikomedikament einnehme?
Bevor Sie beginnen: Messen Sie sieben Tage lang zweimal täglich. Vier Wochen nach Beginn: Wiederholen Sie die Messung. Bei Corticosteroiden: täglich für die ersten vier Wochen. Bei NSAIDs oder Antidepressiva: alle zwei Wochen für die ersten zwei Monate. Danach mindestens alle drei Monate. Wenn Sie sich unwohl fühlen - messen Sie sofort. Die Zahlen sagen mehr als Symptome.
Geschrieben von Fenja Berwald
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