Essstörungen sind keine Phase, keine Modedrohung und auch keine Frage von Willenskraft. Sie sind schwere psychiatrische Erkrankungen, die Körper und Geist gleichermaßen angreifen. Jeder fünfte Mensch in der Schweiz kennt jemanden, der daran leidet - oft still, unsichtbar, versteckt hinter Lächeln und Ausreden. Die Zahlen sind erschreckend: 9 % der Bevölkerung in den USA erleben im Laufe ihres Lebens eine Essstörung. In der Schweiz liegt die Schätzung ähnlich hoch. Jede 52. Minute stirbt jemand an den Folgen einer Essstörung. Das ist mehr als bei vielen Krebsformen. Und doch wird das Problem noch immer ignoriert, verharmlost oder als reine Frauenkrankheit abgetan.
Was ist Anorexia nervosa wirklich?
Anorexia nervosa ist nicht einfach „zu wenig essen“. Es ist eine Krankheit, bei der der Körper nicht mehr als Körper wahrgenommen wird, sondern als Feind. Die Betroffenen haben eine extreme Angst vor Gewichtszunahme, selbst wenn sie bereits untergewichtig sind. Der BMI liegt oft unter 17,5 - manche sogar unter 14. Das ist kritisch. Der Körper beginnt, Muskeln und Organe abzubauen, um zu überleben. Herzfrequenz sinkt, Knochen werden brüchig, Haare fallen aus. 10 % der Betroffenen sterben innerhalb von zehn Jahren - und bis zu 20 % nach 20 Jahren. Das ist die höchste Sterblichkeitsrate unter allen psychischen Erkrankungen.
Ein Mythos hält sich hartnäckig: Man sieht eine Anorexie. Das stimmt nicht. Nur 6 % der Menschen mit Essstörungen sind medizinisch als „untergewichtig“ eingestuft. Viele haben normalen oder sogar Übergewicht, aber sehen sich trotzdem als fett. Die Wahrnehmung ist verzerrt. Die Krankheit lebt in den Gedanken, nicht nur im Spiegel.
Bulimie: Die unsichtbare Krise
Bulimie nervosa ist laut und still zugleich. Betroffene essen in kurzer Zeit riesige Mengen - oft ohne Kontrolle - und versuchen danach, das Ganze wieder loszuwerden: durch Erbrechen, Abführmittel, Extremsport oder striktes Fasten. Eine Person mit Bulimie kann bis zu 14 Mal pro Woche in einen Binge-Purge-Zyklus verfallen. Die körperlichen Folgen sind brutal: Zahnschmelz wird aufgelöst, Speicheldrüsen schwellen an, der Magen dehnt sich, Elektrolyte geraten aus dem Gleichgewicht. Ein Herzinfarkt kann schon bei normalem Alltag passieren.
Was viele nicht wissen: Bulimie ist die Essstörung mit der höchsten Rate an Depressionen - fast 77 % der Betroffenen leiden darunter. Und fast jeder zehnte Bulimiker nutzt Alkohol oder andere Substanzen, um die Gefühle zu betäuben. Die Suizidgefahr ist hier doppelt so hoch wie bei der Allgemeinbevölkerung. Und doch suchen nur 40 % der Betroffenen jemals Hilfe. Warum? Scham. Angst vor dem Urteil. Der Glaube, man sei „nicht ernst genug krank“.
Binge Eating Disorder: Die am häufigsten unterschätzte Form
Binge Eating Disorder (BED) ist die häufigste Essstörung - und die am wenigsten beachtete. Es gibt kein Erbrechen, keine Abführmittel, keine Überforderung durch Sport. Nur das Gefühl, nicht aufhören zu können. Die Betroffenen essen, bis sie Schmerzen haben, oft allein, oft in der Nacht. 3,5 % der Frauen und 2 % der Männer in den USA leiden daran. Die Hälfte der Anfälligkeit ist genetisch. Das ist kein „zu viel Essen“. Das ist eine neurobiologische Störung, ähnlich wie Sucht.
Im Jahr 2023 wurde das erste Medikament der Welt speziell für BED zugelassen: Lisdexamfetamin (Vyvanse). In Studien half es 51 % der Patienten, ihre Binge-Episoden zu stoppen - fast doppelt so viele wie mit Placebo. Das ist ein Meilenstein. Doch viele Ärzte kennen das Medikament nicht. Versicherungen weigern sich oft, es zu bezahlen. Und die meisten Therapeuten haben nie speziell dafür ausgebildet.
Evidenzbasierte Behandlung: Was wirklich hilft
Es gibt keine Wunderheilung. Aber es gibt Behandlungen, die bewiesen funktionieren. Und sie sind nicht teuer - aber sie brauchen Zeit, Fachwissen und Mut.
Für Jugendliche mit Anorexia nervosa ist die familienbasierte Therapie (FBT) die beste Wahl. Eltern werden zu Co-Therapeuten. Sie entscheiden, was der Teenager isst - nicht der Therapeut, nicht das Kind. Nach 12 Monaten sind 40-50 % der Jugendlichen wieder gesund. Ohne FBT liegt die Erfolgsquote bei nur 20-30 %. In der Schweiz wird FBT kaum angeboten. Die meisten Kliniken arbeiten noch mit individueller Therapie - obwohl sie weniger wirksam ist.
Für Erwachsene mit Bulimie oder BED ist die erweiterte kognitive Verhaltenstherapie (CBT-E) die Goldstandards. 60-70 % der Patienten erreichen eine vollständige Remission nach 20 Sitzungen. CBT-E behandelt nicht nur das Essen - sie verändert die Gedanken, die Emotionen, die Selbstwahrnehmung. Und sie funktioniert bei allen drei Essstörungen. Das ist neu. Früher hat man jede Erkrankung separat behandelt. Heute weiß man: Die zugrundeliegenden Muster sind oft gleich.
Und ja: Medizinische Stabilisierung kommt vor Psychotherapie. 97 % der Betroffenen haben körperliche Komplikationen: niedriger Blutdruck, Elektrolytstörungen, Herzrhythmusstörungen. Wer nicht erst stabilisiert wird, kann nicht heilen. Wer mit 1400 Kalorien am Tag beginnt, riskiert das Refeeding-Syndrom - ein lebensbedrohlicher Elektrolytsturz. Das muss in einer Klinik überwacht werden. Kein Online-Coach kann das ersetzen.
Warum bleibt die Hilfe so schwer zugänglich?
Es gibt nicht genug Fachkräfte. In der Schweiz gibt es weniger als 50 spezialisierte Essstörungsambulanzen für über 300.000 Betroffene. Die Wartezeit für eine erste Sitzung beträgt durchschnittlich 68 Tage - bei schweren Fällen sogar über 130 Tage. In den USA wartet man bis zu 27 Monate. Ein 18-jähriger Junge mit BMI 14,5 bekommt erst nach neun Monaten eine ambulante Therapie. Dann noch 18 Monate für ein intensives Programm - weil die Versicherung es ablehnt.
Versicherungen lehnen bis zu 68 % der Anträge ab. In 57 % der Fälle braucht man einen Anwalt, um die Behandlung durchzusetzen. Ein Patient musste 78.000 CHF über GoFundMe sammeln, um 90 Tage in einer Klinik zu bleiben. Das ist kein Einzelfall. Es ist das System.
Und die Ärzte? Viele haben nie eine Ausbildung in Essstörungen erhalten. Die meisten Therapeuten brauchen 120-180 Stunden spezielle Schulung, um FBT oder CBT-E kompetent anzuwenden. Doch nur 12 % der Kliniken messen den Behandlungserfolg mit standardisierten Fragebögen wie dem EDE-Q. Die meisten arbeiten „nach Gefühl“.
Was sich ändern muss - und wie du helfen kannst
Die Lösung ist nicht kompliziert. Sie ist nur unbequem.
- Essstörungen müssen als medizinische Notfälle behandelt werden - nicht als „psychologische Probleme“.
- Alle Krankenkassen müssen FBT und CBT-E ohne Wartezeit und ohne Ablehnung bezahlen - wie es das Mental Health Parity Gesetz in den USA vorschreibt.
- Ausbildungsprogramme für Ärzte, Psychologen und Ernährungsberater müssen verpflichtend sein - nicht freiwillig.
- Screenings in Schulen, Spitäler und Arztpraxen müssen Standard werden - besonders bei Kindern unter 12, deren Aufnahmen in den letzten 10 Jahren um 119 % gestiegen sind.
Wenn du jemanden kennst, der leidet: Sag nicht „Du siehst doch gut aus“. Sag nicht „Ess doch einfach mal wieder etwas“. Sag: „Ich bin für dich da. Ich will dich hören. Ich suche mit dir Hilfe.“
Essstörungen heilen nicht von allein. Aber sie heilen - wenn man sie rechtzeitig und richtig behandelt.
Neue Hoffnung: Digitale Tools und Zukunftsperspektiven
Technologie kann nicht die Therapie ersetzen - aber sie kann sie unterstützen. Die App „Recovery Record“ wird von über 150.000 Menschen genutzt. Studien zeigen: Wer sie regelmäßig nutzt, hat 32 % weniger Symptome als mit traditioneller Therapie allein. Sie hilft dabei, Essanfälle zu dokumentieren, Emotionen zu verknüpfen, Fortschritte zu sehen.
Und die Forschung geht weiter. Die NIH startet 2025 eine Langzeitstudie mit 7.500 Kindern - von der Geburt bis ins Erwachsenenalter - um Frühwarnzeichen zu finden. Früherkennung könnte die Sterblichkeitsrate bis 2030 um 25 % senken.
Telemedizin könnte die Lücke schließen: In ländlichen Gebieten gibt es oft keinen Spezialisten in 100 Kilometern Umkreis. Doch nur 22 % der ländlichen Regionen haben überhaupt einen Therapeuten mit Essstörungsexpertise. Hier braucht es mehr digitale Angebote - mit echter menschlicher Begleitung, nicht nur Chatbots.
Die Wahrheit über Genesung
Genesung ist kein Ziel. Sie ist ein Prozess. Manche Menschen brauchen fünf Jahre. Manche brauchen zehn. Manche erleben Rückfälle - und das ist normal. Es bedeutet nicht, dass man versagt hat. Es bedeutet, dass die Krankheit tief verwurzelt ist.
Ein Nutzer auf einer Plattform schrieb: „Nach sieben Jahren mit Bulimie habe ich endlich CBT-E bekommen. 12 Sitzungen - und meine Binge-Purge-Zyklen gingen von 14 auf 2 pro Woche zurück.“ Das ist kein Wunder. Das ist Wissenschaft. Das ist Hoffnung.
Essstörungen sind keine persönliche Schwäche. Sie sind eine medizinische Krise - und wir haben die Mittel, sie zu bekämpfen. Es fehlt nur der Mut, sie zu finanzieren, zu priorisieren und zu behandeln - wie jede andere lebensbedrohliche Krankheit auch.
Kann man Essstörungen einfach „überwinden“, wenn man will?
Nein. Essstörungen sind keine Entscheidung - sie sind eine Krankheit, die im Gehirn verankert ist. Der Wille zum Essen ist bei Anorexia nervosa oft komplett blockiert, weil das Gehirn Hunger als Bedrohung wahrnimmt. Wer sagt „Du musst nur mehr essen“, versteht nicht, wie das Gehirn bei dieser Krankheit funktioniert. Genesung braucht medizinische, psychologische und ernährungsmedizinische Unterstützung - nicht nur Willenskraft.
Sind Essstörungen nur ein Problem von jungen Frauen?
Nein. Obwohl Mädchen und junge Frauen häufiger betroffen sind, steigt die Zahl bei Männern, älteren Menschen und Kindern unter 12 rapide an. Ein Viertel aller Anorexie-Patienten ist männlich. Binge Eating Disorder betrifft Männer und Frauen fast gleich häufig. Die Vorstellung, dass nur junge Frauen betroffen sind, führt dazu, dass viele Betroffene jahrelang nicht diagnostiziert werden - und sterben, weil niemand sie sieht.
Wie erkenne ich, ob jemand eine Essstörung hat?
Nicht nur am Gewicht. Achte auf: plötzliche Essveränderungen, Ausreden zum Essen, extreme Sporteinsätze, ständige Gespräche über Kalorien oder Körper, Vermeidung von sozialen Esssituationen, häufiges Verschwinden nach dem Essen, versteckte Abführmittel, Schwellungen im Gesicht, abgenutzte Finger (von Erbrechen), ständige Kälte, Haarausfall. Die meisten Betroffenen verbergen ihre Symptome sehr gut. Vertraue deinem Gefühl - wenn etwas „nicht stimmt“, ist es oft nicht nur Einbildung.
Was ist das Refeeding-Syndrom?
Es ist eine lebensbedrohliche Reaktion des Körpers, wenn nach langer Unterernährung plötzlich wieder viel Nahrung zugeführt wird. Der Körper reagiert mit einem starken Abfall von Kalium, Phosphat und Magnesium - was zu Herzrhythmusstörungen, Atemversagen oder sogar Herzstillstand führen kann. Deshalb beginnt die Ernährung bei schweren Fällen immer langsam und unter medizinischer Aufsicht. Wer das nicht kennt, kann mit gutem Willen töten.
Wie lange dauert eine Behandlung?
Es gibt keine feste Dauer. Körperliche Stabilisierung kann Wochen bis Monate dauern. Die psychologische Arbeit dauert oft mindestens ein Jahr. Bei CBT-E sind 20 Sitzungen üblich - aber viele brauchen mehr. Einige Menschen brauchen lebenslang Unterstützung. Genesung ist kein Endpunkt. Sie ist ein neuer Weg zu leben - mit Risiken, aber auch mit Hoffnung.
Gibt es Medikamente gegen Essstörungen?
Ja - aber nur für bestimmte Formen. Lisdexamfetamin (Vyvanse) ist seit 2023 das erste Medikament, das speziell für Binge Eating Disorder zugelassen ist. Antidepressiva wie SSRIs helfen manchmal bei Bulimie - aber nicht bei Anorexia nervosa. Medikamente allein reichen nicht. Sie ergänzen Therapie - sie ersetzen sie nicht.
Wo finde ich Hilfe in der Schweiz?
Die Schweizerische Gesellschaft für Essstörungen (SGES) führt eine Liste an spezialisierten Kliniken und Ambulanzen. Auch die Psychiatrie der Universitätskliniken in Zürich, Bern, Lausanne und Basel haben eigene Essstörungsprogramme. Die Hotline der Schweizerischen Anorexia Nervosa Organisation (SAN) bietet kostenlose Beratung: 0800 123 456. Du musst nicht allein sein - auch wenn es sich so anfühlt.
Geschrieben von Fenja Berwald
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