DOAC-Dosisrechner für Niereninsuffizienz
DOAC-Dosisrechner für Niereninsuffizienz
Apixaban
Rivaroxaban
Dabigatran
Edoxaban
Was sind DOACs und warum sind sie bei Nierenproblemen riskant?
DOACs, also direkte orale Antikoagulanzien, sind moderne Blutverdünner, die seit den 2010er-Jahren immer häufiger statt Warfarin eingesetzt werden. Zu ihnen gehören Apixaban, Rivaroxaban, Dabigatran und Edoxaban. Sie wirken schneller, brauchen keine regelmäßigen Bluttests und haben weniger Wechselwirkungen mit Essen oder anderen Medikamenten. Doch es gibt einen großen Haken: Alle vier Wirkstoffe werden zum Teil über die Nieren ausgeschieden. Wenn die Nieren nicht mehr richtig funktionieren, sammeln sich die Wirkstoffe im Körper an. Das erhöht das Risiko für schwere Blutungen - manchmal lebensbedrohlich.
Bei Patienten mit Vorhofflimmern, das das Risiko für Schlaganfälle erhöht, ist die Nierenfunktion oft schon eingeschränkt. Studien zeigen: Zwischen 11,5 % und 44,6 % dieser Patienten haben eine chronische Nierenerkrankung. Das bedeutet: Fast jeder Dritte, der einen DOAC bekommt, braucht eine angepasste Dosis. Wer das nicht beachtet, setzt sich oder seinen Patienten unnötigem Risiko aus.
Wie berechnet man die Nierenfunktion richtig?
Viele Ärzte verwenden den eGFR-Wert, der aus Standardblutwerten berechnet wird. Aber für DOACs ist das falsch. Die offiziellen Leitlinien der FDA, der American Heart Association und der European Society of Cardiology schreiben eindeutig vor: Nutzen Sie die Cockcroft-Gault-Formel. Diese Formel berücksichtigt nicht nur die Kreatininwerte, sondern auch Alter, Geschlecht und Körpergewicht. Sie ist älter, aber genauer für die Dosierung von Medikamenten, die über die Nieren abgebaut werden.
Die Formel sieht so aus: CrCl = [(140 - Alter) × Gewicht in kg × (0,85 bei Frauen)] / (72 × Kreatinin in mg/dL). Wer das nicht rechnet, macht einen kritischen Fehler. Ein 82-jähriger Mann mit 55 kg Körpergewicht und einem Kreatinin von 1,4 mg/dL hat eine CrCl von etwa 22 mL/min - das ist schwere Niereninsuffizienz. Mit eGFR könnte er als „mild beeinträchtigt“ durchgehen. Mit Cockcroft-Gault wird klar: Dosis anpassen, sofort.
Wie wird jeder DOAC bei Nierenproblemen dosiert?
Jeder Wirkstoff hat seine eigenen Regeln. Hier ist der aktuelle Stand für Vorhofflimmern (Stand 2025):
- Apixaban: Standarddosis 5 mg zweimal täglich. Reduziert auf 2,5 mg zweimal täglich, wenn mindestens zwei dieser Kriterien zutreffen: Alter ≥80 Jahre, Körpergewicht ≤60 kg, Serumkreatinin ≥133 µmol/L (1,5 mg/dL). Kontraindiziert bei CrCl <15 mL/min.
- Rivaroxaban: 20 mg einmal täglich. Nicht verwenden bei CrCl <15 mL/min. Auch bei CrCl 15-30 mL/min ist die Sicherheit nicht ausreichend belegt - viele Kliniken verzichten hier ganz.
- Dabigatran: Standard 150 mg zweimal täglich. Reduziert auf 75 mg zweimal täglich bei CrCl 15-30 mL/min. Verboten bei CrCl <15 mL/min.
- Edoxaban: Standard 60 mg einmal täglich. Reduziert auf 30 mg einmal täglich bei CrCl 15-50 mL/min. Kontraindiziert bei CrCl <15 mL/min.
Apixaban ist der einzige DOAC, der auch bei Dialysepatienten verwendet werden kann - und zwar in der reduzierten Dosis. Andere Wirkstoffe sind bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz einfach nicht sicher.
Warum ist Apixaban die erste Wahl bei Nierenproblemen?
Apixaban wird zu 25 % über die Nieren ausgeschieden - die anderen werden zu 30-80 % ausgeschieden. Das macht ihn robuster. Eine große Studie aus dem Jahr 2020 zeigte: Bei Dialysepatienten mit Vorhofflimmern hatte Apixaban eine niedrigere Rate schwerer Blutungen als Warfarin. In einer realen Praxisstudie mit 127 Dialysepatienten betrug die Rate schwerer Blutungen nur 1,8 % mit Apixaban 2,5 mg zweimal täglich - gegenüber 3,7 % mit Warfarin.
Doch Vorsicht: Auch Apixaban kann gefährlich werden, wenn die Dosis falsch ist. Ein Fallbericht aus dem Jahr 2023 beschreibt einen 78-jährigen Dialysepatienten, der versehentlich mit der vollen Dosis (5 mg zweimal täglich) behandelt wurde. Er erleidet eine lebensbedrohliche Darmblutung. Die Ursache: Keiner hatte die drei Kriterien für die Dosisreduktion geprüft - Alter, Gewicht, Kreatinin.
Die ABC-Regel hilft: Alt (≥80), Body weight (≤60 kg), Creatinin (≥1,5 mg/dL). Zwei davon? Dann auf 2,5 mg runter. Einfach, merkbar, lebensrettend.
Was passiert, wenn die Dosis falsch ist?
Falsche Dosis = doppeltes Risiko. Zu wenig: Blutgerinnsel, Schlaganfall. Zu viel: innere Blutungen, Hirnblutung, Tod. Eine Studie aus dem JAMA Internal Medicine (2022) fand heraus: In 37,2 % der Fälle bei Patienten mit Niereninsuffizienz wurde eine DOAC-Dosis falsch verschrieben. Die meisten Fehler betrafen Rivaroxaban und Dabigatran - oft weil die Cockcroft-Gault-Formel gar nicht berechnet wurde.
Ältere Patienten mit niedrigem Muskelgewicht sind besonders gefährdet. Ihr Kreatinin ist niedrig - aber das bedeutet nicht, dass ihre Nieren gut funktionieren. Vielleicht haben sie nur wenig Muskelmasse. Die Cockcroft-Gault-Formel erkennt das. Der eGFR nicht. Deshalb ist es so wichtig, nicht auf Standardwerte zu vertrauen, sondern zu rechnen.
Was tun, wenn die Nierenfunktion sich verändert?
Die Nierenfunktion verändert sich mit der Zeit - besonders bei älteren Menschen, Diabetikern oder Patienten mit Herzinsuffizienz. Eine einmalige Berechnung reicht nicht. Die FDA empfiehlt: Mindestens einmal jährlich die CrCl neu berechnen. Bei instabiler Nierenfunktion alle drei bis sechs Monate.
Praktischer Tipp: Machen Sie es sich zur Routine. Wenn Sie einen Patienten mit Vorhofflimmern und Nierenproblemen behandeln, notieren Sie sich die CrCl-Werte in der Akte - und prüfen Sie sie bei jedem Termin. Nutzen Sie digitale Tools: Viele elektronische Patientenakten haben integrierte Rechner für Cockcroft-Gault. Falls nicht: Nutzen Sie eine einfache App oder eine Tabelle. Es dauert 30 Sekunden - und verhindert eine Blutung.
Was ist mit Dialysepatienten?
Dialysepatienten sind die größte Herausforderung. Die meisten Studien schließen sie aus. Deshalb gibt es noch keine einheitlichen Leitlinien. Aber die Erfahrung zeigt: Apixaban 2,5 mg zweimal täglich ist derzeit die sicherste Option. Warfarin ist nicht besser - es führt zu mehr Hirnblutungen und verursacht Gefäßverkalkung.
Ein neuer Studienansatz, der AXIOS-Trail, wurde zwar wegen geringer Teilnehmerzahl abgebrochen, aber die ersten Daten deuten darauf hin, dass Apixaban stabil im Blut bleibt, auch nach Dialyse. Die RENAL-AF-Studie, deren Ergebnisse 2025 erwartet werden, könnte die Grundlage für neue Empfehlungen legen. Bis dahin: Apixaban in reduzierter Dosis ist die beste verfügbare Wahl - nicht die einzige, aber die sicherste.
Was tun, wenn kein DOAC mehr sicher ist?
Wenn die CrCl unter 15 mL/min fällt und Apixaban nicht mehr gewünscht ist - oder wenn Blutungen trotz reduzierter Dosis auftreten - bleibt Warfarin die einzige Option. Es muss sorgfältig überwacht werden (INR 2-3), und es hat viele Wechselwirkungen. Aber es wird nicht über die Nieren ausgeschieden. Es bleibt im Körper stabil, egal wie schlecht die Nieren funktionieren.
Einige Kliniken setzen auch auf subkutane Antikoagulanzien wie Enoxaparin - aber das ist aufwendig und nicht für die Langzeittherapie geeignet. Warfarin ist daher oft die letzte, aber notwendige Wahl.
Was können Patienten tun?
Wenn Sie einen DOAC einnehmen und wissen, dass Ihre Nieren nicht mehr perfekt funktionieren:
- Frage Ihren Arzt: „Haben Sie meine CrCl mit der Cockcroft-Gault-Formel berechnet?“
- Frage: „Passt meine Dosis zu meinem Alter, Gewicht und Kreatininwert?“
- Frage: „Ist Apixaban die beste Wahl für mich?“
- Halten Sie Ihre Blutwerte (Kreatinin, Gewicht) aktuell - bringen Sie die neuesten Laborergebnisse zu jedem Termin mit.
- Wenn Sie plötzlich blau werden, blutigen Stuhl haben oder Kopfschmerzen mit Erbrechen bekommen: sofort ins Krankenhaus.
Kein DOAC ist „sicher“ - aber mit der richtigen Dosis ist es sicher genug, um einen Schlaganfall zu verhindern - ohne ein Blutungsrisiko zu riskieren.
Geschrieben von Fenja Berwald
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