Wenn Sie täglich Vitamine, Kräuter oder Mineralien einnehmen - und viele tun das -, dann könnten Sie unbewusst ein Risiko eingehen, das Ihr Arzt nicht kennt. Dietäre Ergänzungsmittel wirken nicht nur harmlos. Sie können die Wirkung von Medikamenten stark verändern, manchmal mit gefährlichen Folgen. Eine Person, die Warfarin nimmt, um Blutgerinnsel zu verhindern, könnte durch eine Kapsel mit Ginkgo biloba plötzlich innerlich bluten. Eine andere, die Antidepressiva einnimmt, könnte nach dem Start von Johanniskraut einen Anfall erleiden. Diese Fälle sind kein Zufall. Sie passieren täglich - und oft, weil niemand danach fragt.
Wie funktionieren Wechselwirkungen?
Dietäre Ergänzungsmittel und Medikamente interagieren auf zwei Arten. Die erste nennt sich pharmakokinetisch: Das bedeutet, dass das Ergänzungsmittel die Aufnahme, den Abbau oder die Ausscheidung des Medikaments beeinflusst. Zum Beispiel hemmt Magnesium in Antazida die Aufnahme von Antibiotika wie Ciprofloxacin - bis zu 90 % weniger Wirkstoff gelangt ins Blut. Das macht das Medikament unwirksam. Johanniskraut hingegen aktiviert Enzyme in der Leber, die viele Medikamente zu schnell abbauen. Bei Patienten, die Cyclosporin nach einer Transplantation nehmen, sinkt dessen Blutspiegel um 57 %. Das Risiko einer Abstoßung steigt dramatisch. Die zweite Art ist pharmakodynamisch: Hier wirken Ergänzungsmittel und Medikamente zusammen - oft mit übermäßiger Wirkung. Ginkgo biloba verdünnt das Blut. Warfarin auch. Zusammen können sie den INR-Wert von 2,5 auf über 6,5 schießen. Das ist ein blutiger Notfall. Vitamin K, das in grünem Tee oder Kapseln enthalten ist, hebt genau das Gegenteil: Es macht Warfarin wirkungslos. Wer das nicht weiß, denkt, sein Medikament funktioniert nicht - und nimmt mehr davon. Das ist tödlich.Welche Ergänzungsmittel sind am gefährlichsten?
Nicht alle Ergänzungsmittel sind gleich riskant. Die meisten Probleme kommen von Kräutern. Johanniskraut ist der Spitzenreiter. Es beeinflusst über 80 Medikamente - von Antidepressiva über Transplantationsmedikamente bis hin zu Antiepileptika. Ein Fall aus dem Jahr 2021 beschreibt eine 45-Jährige, die nach dem Start von Johanniskraut mit Carbamazepin einen Anfall bekam. Die Blutkonzentration ihres Medikaments fiel von 7,2 auf 3,1 mcg/ml. Sie war nicht allein. Diese Wechselwirkung ist gut dokumentiert - aber kaum jemand weiß davon. Ginkgo biloba, Ginseng und Blutegelkraut (Goldenseal) gehören ebenfalls zur Hochrisiko-Gruppe. Goldenseal hemmt Enzyme, die viele Medikamente abbauen - was zu einer Überdosierung führen kann. Bei Menschen, die Statine nehmen, kann das zu Muskelabbau (Rhabdomyolyse) führen. Auch Grüntee-Extrakte mit hohem Vitamin-K-Gehalt sind problematisch. Sie neutralisieren die Wirkung von Blutverdünnern - und das ohne Warnung auf der Packung. Vitamine und Mineralien sind oft als harmlos angesehen - aber auch sie können gefährlich sein. Calcium in Kapseln oder Tabletten verhindert die Aufnahme von Schilddrüsenmedikamenten wie Levothyroxin. Die Wirkung sinkt um 25-50 %. Das führt zu Müdigkeit, Gewichtszunahme und Herzproblemen. Eisen kann die Wirkung von Antibiotika wie Tetracyclin um bis zu 70 % reduzieren. Und Magnesium in Magenmitteln macht viele Antibiotika fast völlig wirkungslos.
Warum wissen Ärzte und Apotheker so wenig darüber?
Die Antwort ist einfach: Es gibt kaum Daten. Im Gegensatz zu verschreibungspflichtigen Medikamenten, die vor der Zulassung auf Wechselwirkungen getestet werden müssen, dürfen Nahrungsergänzungsmittel in den USA ohne jede Prüfung verkauft werden. Das ist gesetzlich so geregelt - seit 1994. Hersteller müssen nicht nachweisen, dass ihre Produkte sicher sind. Sie müssen nur nachweisen, dass sie nicht toxisch sind - und das erst, wenn jemand schon krank geworden ist. Ein Review aus dem Jahr 2019 zeigt: Nur 0,5 % der Ergänzungsmittel haben überhaupt eine wissenschaftliche Studie zu Wechselwirkungen. Die meisten Packungen enthalten keine Warnhinweise - obwohl 78 % der Produkte bekannte Risiken haben. Apotheker und Ärzte bekommen kaum Schulung dazu. Eine Studie aus dem Jahr 2020 ergab: Nur 32 % der Apotheker konnten die wichtigsten Wechselwirkungen richtig identifizieren. Nach einem vierstündigen Kurs stieg die Quote auf 87 %. Das sagt alles.Was passiert, wenn niemand davon weiß?
Jeder fünfte Erwachsene in den USA nimmt mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel ein. Bei Menschen über 60 sind es 85 %. Und fast alle nehmen gleichzeitig 4-5 Medikamente. Die Kombination ist eine Zeitbombe. Die FDA schätzt, dass 20.000 bis 30.000 Notfälle pro Jahr auf Wechselwirkungen zurückzuführen sind. 23.000 Notaufnahmen und 2.000 Krankenhausaufenthalte allein in den USA - jedes Jahr. Das sind keine Statistiken. Das sind Menschen. Eine Frau, die Johanniskraut nahm, während sie Antidepressiva einnahm - und dann einen Anfall bekam. Ein Mann, der Ginkgo mit Warfarin kombinierte - und blutete innerlich. Ein älterer Patient, der Calciumtabletten nahm, ohne zu wissen, dass sie sein Schilddrüsenmedikament aufheben. Die meisten Betroffenen sprechen nicht mit ihrem Arzt. Eine Analyse von 1.247 Reddit-Beiträgen zeigte: 68 % der Nutzer erwähnen ihre Ergänzungsmittel nie. Warum? Weil sie denken: „Mein Arzt versteht das nicht.“ Oder: „Das ist doch nur ein Vitamin.“ Doch in einer Umfrage der American Academy of Family Physicians sagten 73 % der Ärzte, die regelmäßig nach Ergänzungsmitteln fragten: „Wir haben dadurch schwere Komplikationen verhindert.“
Was können Sie tun?
Sie müssen nicht auf Ihre Ergänzungsmittel verzichten. Aber Sie müssen sie ernst nehmen. Hier ist, was Sie tun können:- Erstellen Sie eine Liste: Notieren Sie genau, was Sie einnehmen - inklusive Dosierung und Marke. Nicht „Vitamin C“, sondern „Vitamin C 1000 mg, Nature Made, 1 Kapsel täglich“.
- Zeigen Sie es Ihrem Arzt: Fragen Sie nicht: „Haben Sie etwas gegen Johanniskraut?“ Sagen Sie: „Ich nehme diese drei Ergänzungsmittel. Was könnte mit meinen Medikamenten passieren?“
- Verwenden Sie vertrauenswürdige Quellen: Die Natural Medicines Database oder die NIH-Website LiverTox sind die einzigen, die fundierte Daten liefern. Google ist keine Quelle.
- Seien Sie vorsichtig mit „natürlich“: „Natürlich“ bedeutet nicht sicher. Johanniskraut ist eine Pflanze - aber es verändert Ihre Leberenzyme wie ein Medikament.
- Informieren Sie sich über neue Produkte: CBD-Produkte sind neu auf dem Markt. Sie können die Wirkung von Epilepsie-Medikamenten um das Vierfache erhöhen. Wenn Sie das nicht wissen, könnten Sie schwer verletzt werden.
Was wird sich ändern?
Endlich gibt es Bewegung. Die FDA hat 2022 neue Leitlinien vorgeschlagen, die Hersteller verpflichten sollen, Daten zu Wechselwirkungen vorzulegen - besonders bei neuen Inhaltsstoffen. Der US-Kongress hat 2023 einen Gesetzentwurf eingereicht (H.R.2409), der Warnhinweise auf Packungen vorschreibt - für Produkte, die mit Medikamenten interagieren. Die NCCIH hat 15,7 Millionen Dollar für Forschung bereitgestellt, bis 2025 - besonders für ältere Menschen und Herzpatienten. Aber bis dahin: Sie sind Ihr eigener Schutz. Die Regulierung ist zu langsam. Die Hersteller haben kein Interesse an Warnhinweisen. Und Ärzte können nicht alles wissen. Aber Sie können. Sie können die Liste führen. Sie können die Fragen stellen. Sie können die Packung zeigen. Dietäre Ergänzungsmittel sind nicht der Feind. Aber sie sind keine harmlosen Süßigkeiten. Sie sind Chemie - und Chemie reagiert. Wenn Sie Medikamente einnehmen, dann ist Ihr Körper ein Labor. Und Sie sind der Wissenschaftler, der aufpasst.Können Vitamine mit Medikamenten interagieren?
Ja, einige Vitamine können die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Vitamin K reduziert die Wirkung von Warfarin, einem Blutverdünner. Calcium kann die Aufnahme von Schilddrüsenmedikamenten wie Levothyroxin um bis zu 50 % verringern. Eisen hemmt die Wirkung von Antibiotika wie Tetracyclin. Selbst scheinbar unschuldige Vitamine können gefährlich sein, wenn sie mit Medikamenten kombiniert werden.
Ist Johanniskraut wirklich gefährlich?
Ja, Johanniskraut ist eines der gefährlichsten pflanzlichen Ergänzungsmittel. Es aktiviert Enzyme in der Leber, die viele Medikamente zu schnell abbauen. Das kann dazu führen, dass Transplantationsmedikamente wie Cyclosporin unwirksam werden, Antidepressiva nicht wirken oder Antiepileptika ihre Wirkung verlieren. In einigen Fällen führte es zu schweren Anfällen. Es ist nicht „natürlich und harmlos“ - es ist ein starkes Enzyminduktor.
Warum sagen Apotheker nichts dazu?
Viele Apotheker wissen es einfach nicht genau. Nur 32 % konnten in einer Studie die wichtigsten Wechselwirkungen richtig identifizieren. Außerdem werden Nahrungsergänzungsmittel oft nicht als Medikamente betrachtet - obwohl sie wie solche wirken. Viele Apotheken haben keine Systeme, um Wechselwirkungen mit Ergänzungsmitteln zu prüfen. Deshalb ist es Ihre Aufgabe, die Liste mitzubringen und zu fragen.
Was mache ich, wenn ich ein neues Ergänzungsmittel ausprobieren will?
Warten Sie nicht, bis Sie es eingenommen haben. Prüfen Sie zuerst: Ist es mit Ihren Medikamenten verträglich? Nutzen Sie die Natural Medicines Database oder fragen Sie Ihren Apotheker mit Ihrer Medikamentenliste. Wenn Sie unsicher sind, warten Sie eine Woche, bis Sie es einnehmen - und sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Ein neues Ergänzungsmittel ist kein Spiel. Es ist eine chemische Veränderung in Ihrem Körper.
Sind „bio“ oder „natürliche“ Ergänzungsmittel sicherer?
Nein. „Bio“ oder „natürlich“ sagt nichts über die chemische Wirkung aus. Johanniskraut ist eine Pflanze - aber es verändert Ihre Leberenzyme wie ein synthetisches Medikament. Ein „natürliches“ Produkt kann genauso gefährlich sein wie ein verschreibungspflichtiges. Der Begriff „natürlich“ ist ein Marketingbegriff - kein Sicherheitsnachweis.
Wie erkenne ich, ob ein Ergänzungsmittel mit meinem Medikament interagiert?
Sie können nicht einfach auf der Packung nachlesen - die meisten enthalten keine Warnungen. Nutzen Sie vertrauenswürdige Online-Datenbanken wie die Natural Medicines Database oder die NIH-Website LiverTox. Geben Sie den genauen Namen des Ergänzungsmittels und Ihres Medikaments ein. Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker mit der konkreten Liste - nicht mit „ich nehme Vitamine“.
Können Ergänzungsmittel auch positive Wechselwirkungen haben?
Selten, aber möglich. Einige Studien zeigen, dass bestimmte Kräuter wie Kurkuma die Wirkung von Schmerzmitteln unterstützen könnten - aber das ist nicht ausreichend belegt. Die meisten Wechselwirkungen sind negativ. Es ist kein Risiko wert, etwas auszuprobieren, nur weil es „vielleicht hilft“. Ihre Medikamente sind genau dosiert. Ändern Sie das nicht ohne medizinische Anleitung.
Geschrieben von Fenja Berwald
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