Wahlhelfer: Bupropion vs. SSRI
Wählen Sie Ihre aktuellen Symptome oder Prioritäten aus. Der Wahlhelfer zeigt Ihnen, welches Medikament für Sie passender ist.
Wenn es um Antidepressiva geht, wählen viele Menschen nicht nur nach Wirksamkeit, sondern vor allem nach Nebenwirkungen. Zwei der am häufigsten verschriebenen Klassen sind Bupropion und SSRIs. Beide helfen bei Depressionen, aber ihre Nebenwirkungsprofile sind so unterschiedlich, dass sie fast wie zwei verschiedene Medikamente wirken - obwohl sie denselben Zweck haben.
Wie funktionieren Bupropion und SSRIs eigentlich?
Bupropion, auch bekannt als Wellbutrin oder Zyban, ist kein typisches Antidepressivum. Es gehört zur Gruppe der NDRI (Norepinephrin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer). Das bedeutet: Es blockiert die Rückaufnahme von Noradrenalin und Dopamin im Gehirn. Diese beiden Botenstoffe sind für Energie, Motivation und Konzentration verantwortlich. Deshalb fühlen viele Patienten sich nach dem Start von Bupropion wacher, fokussierter - manchmal sogar zu wach.
SSRIs dagegen (selective serotonin reuptake inhibitors) wirken fast ausschließlich auf Serotonin. Dazu gehören Medikamente wie Sertralin (Zoloft), Escitalopram (Lexapro) und Fluoxetin (Prozac). Serotonin beeinflusst Stimmung, Schlaf und Appetit. Aber es beeinflusst auch viele andere Körperfunktionen - und das führt zu einer ganzen Liste möglicher Nebenwirkungen.
Sexuelle Nebenwirkungen: Der größte Unterschied
Ein großer Grund, warum Menschen ihre SSRI-Therapie abbrechen, ist die sexuelle Dysfunktion. Studien zeigen: Zwischen 30 und 70 % der Menschen, die SSRIs einnehmen, erleben Probleme mit dem Verlangen, der Erregung oder dem Orgasmus. Bei Paroxetin, einem SSRI mit besonders langer Halbwertszeit, liegt die Rate sogar bei bis zu 76 %.
Bupropion dagegen hat eine der niedrigsten Raten an sexuellen Nebenwirkungen aller Antidepressiva. Studien berichten von nur 13 bis 15 % Betroffenen - das ist fast fünfmal weniger als bei SSRIs. In einer Studie aus dem Journal of Sexual Medicine verbesserten sich 67 % der Patienten, die von einem SSRI auf Bupropion wechselten. Viele beschreiben es als Rückkehr zu einem normalen Sexualleben - nach Monaten oder Jahren der Lustlosigkeit.
Das ist kein Zufall. Während SSRIs Serotonin erhöhen - was die sexuelle Funktion dämpft - wirkt Bupropion genau andersherum: Es steigert Dopamin, das für das sexuelle Verlangen zuständig ist. Deshalb gilt Bupropion in der Klinik als Standard, wenn sexuelle Nebenwirkungen ein Problem sind.
Gewicht: Verlieren statt zunehmen
Wer mit einem SSRI anfängt, muss oft mit Gewichtszunahme rechnen. Eine Studie aus dem Journal of Clinical Psychiatry fand heraus: Innerhalb von 6 bis 12 Monaten nehmen Patienten durchschnittlich 2,5 bis 3,5 kg zu - vor allem bei Paroxetin und Sertralin. Viele berichten von einer unerklärlichen Heißhungerphase oder einem langsamen, aber stetigen Anstieg auf der Waage.
Bupropion tut das Gegenteil. Es führt oft zu leichtem Gewichtsverlust. In einer Studie verloren Patienten, die 400 mg Bupropion XL täglich nahmen, im Durchschnitt 7,2 % ihres Körpergewichts innerhalb von 24 Wochen. Andere Studien zeigen einen durchschnittlichen Verlust von 0,8 bis 1,2 kg über sechs Monate. Das ist kein Wundermittel, aber es ist ein klarer Vorteil für Menschen, die Angst vor Gewichtszunahme haben - besonders Frauen oder Menschen mit Vorbelastungen wie Diabetes oder Adipositas.
Schlaf und Müdigkeit: Wach werden statt einschlafen
SSRIs wie Citalopram oder Paroxetin sind bekannt dafür, Müdigkeit und Schläfrigkeit zu verursachen. Viele Patienten sagen: „Ich fühle mich wie in Watte gepackt.“ Das kann am Anfang helfen - besonders bei Depressionen mit Schlafstörungen. Aber viele wünschen sich dann, endlich wieder wach und energisch zu sein.
Bupropion ist das Gegenteil. Es ist aktivierend. Es erhöht Noradrenalin und Dopamin - genau die Botenstoffe, die uns wach und konzentriert halten. Das ist ein großer Vorteil für Menschen, die tagsüber müde sind, im Job nicht klar denken können oder sich von Schlafsucht erdrückt fühlen. Viele Patienten berichten: „Endlich kann ich morgens aufstehen, ohne eine Stunde zu brauchen.“
Aber: Diese Wachheit kann auch nach hinten losgehen. Insomnie ist eine der häufigsten Nebenwirkungen von Bupropion. Wer bereits unter Schlafstörungen leidet, sollte vorsichtig sein. Einige Patienten beschreiben es als „gefühlte Energie, die nicht zur Ruhe kommt“ - und das kann die Depression sogar verschlimmern.
Angst und Unruhe: Wann Bupropion riskant wird
Bupropion ist nicht für jeden geeignet. Wenn jemand unter Angststörungen leidet - Panikattacken, generalisierte Angst, Sozialphobie - kann Bupropion die Symptome verschlimmern. Eine Studie aus dem Journal of Affective Disorders zeigte: 28 % der Patienten mit Angststörungen brachen die Therapie ab, weil sie sich unruhiger, nervöser oder panischer fühlten. Bei SSRIs war es nur 12 %.
Warum? Weil Bupropion das Nervensystem anregt. Bei manchen Menschen löst das eine Überlastung aus - besonders wenn die Angst schon stark ist. SSRIs dagegen wirken beruhigend, auch wenn sie andere Nebenwirkungen haben. Deshalb ist Bupropion oft keine erste Wahl, wenn Angst und Depression Hand in Hand gehen.
Sehnenrisiko und Blutdruck: Die unterschätzten Risiken
Bupropion hat ein kleines, aber ernstes Risiko: Krampfanfälle. Bei einer Dosis von 300 mg pro Tag liegt das Risiko bei 0,1 %. Bei 400 mg steigt es auf 0,4 %. Das klingt wenig - aber es ist deutlich höher als bei SSRIs, die ein Risiko von nur 0,02 bis 0,04 % haben.
Deshalb ist Bupropion kontraindiziert bei Menschen mit Epilepsie, Essstörungen (Anorexie, Bulimie) oder wenn andere Medikamente die Krampfschwelle senken - wie Antipsychotika oder bestimmte Antibiotika. Auch bei Alkoholentzug oder starkem Koffeinkonsum wird Vorsicht empfohlen.
Ein weiterer Punkt: Bupropion kann den Blutdruck leicht erhöhen - um durchschnittlich 3 bis 5 mmHg. Das ist für die meisten Menschen unbedenklich. Aber bei Menschen mit Bluthochdruck oder Herzproblemen sollte der Blutdruck regelmäßig kontrolliert werden. SSRIs haben dagegen meist keine oder sogar eine leicht senkende Wirkung auf den Blutdruck.
Was sagen Patienten wirklich?
Online-Foren wie Reddit oder Drug.com zeigen, wie stark die Erfahrungen auseinandergehen.
Eine Nutzerin auf Reddit schrieb: „Ich nahm Lexapro zwei Jahre lang. Meine Libido war weg. Kein Interesse an Sex, kein Gefühl mehr. Als ich auf Wellbutrin wechselte, war es, als hätte ich mein Sexualleben zurückbekommen - aber jetzt schlafe ich kaum noch.“
Auf Drugs.com hat Bupropion eine Durchschnittsbewertung von 7,4 von 10. 68 % der Nutzer berichten von positiven Effekten. Die häufigsten positiven Kommentare: „Keine Gewichtszunahme nach 18 Monaten“ und „Endlich wach am Morgen.“
SSRIs wie Lexapro haben eine Durchschnittsbewertung von 6,8. Aber 47 % der negativen Bewertungen erwähnen sexuelle Probleme. Ein Mann schrieb: „Nach sechs Monaten hatte ich kein Verlangen mehr. Meine Frau hat mich verlassen.“
Ein Patient mit Angststörung meinte: „Wellbutrin hat mich in eine Art Panik gestürzt. Ich konnte nicht mehr atmen. Ich bin zurück zu Zoloft gegangen - und war endlich wieder ruhig.“
Wie wechselt man richtig?
Wenn du von einem SSRI auf Bupropion wechselst, ist der Übergang wichtig. Du kannst nicht einfach das eine absetzen und das andere anfangen.
- Bei Fluoxetin (Prozac) - wegen seiner langen Halbwertszeit - brauchst du mindestens zwei Wochen Wartezeit, bevor du mit Bupropion beginnst.
- Bei Sertralin, Escitalopram oder Citalopram reicht eine Woche Pause.
Warum? Sonst droht ein sogenanntes Serotonin-Syndrom - eine seltene, aber lebensbedrohliche Überlastung des Serotoninsystems. Außerdem kann der abrupte Abbruch eines SSRIs zu Absetzsymptomen führen: Schwindel, Kopfschmerzen, elektrische Kopfgefühle, Angst.
Wenn du Bupropion neu beginnst, starte mit 150 mg pro Tag. Nach einer Woche kannst du auf 300 mg erhöhen. Höhere Dosen (über 450 mg) erhöhen das Krampfrisiko unnötig - und bringen keinen zusätzlichen Nutzen.
Was ist die beste Wahl für dich?
Es gibt keine „bessere“ Medikamentengruppe - nur die passendere für dich.
Wähle Bupropion, wenn:
- Du unter sexueller Dysfunktion leidest, die durch ein SSRI verursacht wurde
- Du Gewichtszunahme vermeiden willst
- Du dich tagsüber müde und träge fühlst
- Du keine Angststörungen hast
- Du keine Epilepsie, Essstörungen oder Bluthochdruck hast
Wähle ein SSRI, wenn:
- Du unter starken Angstsymptomen leidest
- Du Schlafstörungen hast, die sich durch Sedierung verbessern
- Du ein hohes Krampfrisiko hast oder bereits Krampfanfälle hattest
- Du andere Medikamente einnimmst, die die Krampfschwelle senken
Die Wahl sollte nicht allein auf der Werbung oder einem Online-Forum basieren. Sie sollte auf deiner Geschichte, deinen Symptomen und deinen Prioritäten beruhen. Ein Arzt kann dir helfen, die Risiken abzuwägen - und vielleicht sogar einen genetischen Test nutzen, der zeigt, wie dein Körper Medikamente abbaut.
Was kommt als Nächstes?
Die Psychiatrie bewegt sich hin zu personalisierter Medizin. Ein neuer Ansatz, der 2023 in der American Journal of Psychiatry veröffentlicht wurde, nutzt genetische Tests, um vorherzusagen, welches Antidepressivum bei wem am besten wirkt - und welche Nebenwirkungen wahrscheinlich sind. Bei Menschen mit bestimmten Genvarianten wird Bupropion oft als erste Wahl empfohlen, weil sie besonders anfällig für SSRI-Nebenwirkungen sind.
Die Zukunft liegt nicht in einem „besseren“ Medikament, sondern im richtigen Medikament für dich. Und das ist oft nicht das, das am meisten verkauft wird - sondern das, das dich am wenigsten belastet.
Ist Bupropion besser als SSRIs?
Es gibt keine allgemeine Antwort. Bupropion ist besser, wenn du sexuelle Probleme, Gewichtszunahme oder Müdigkeit vermeiden willst. SSRIs sind besser, wenn du Angststörungen hast oder ein hohes Krampfrisiko. Die Wahl hängt von deinem individuellen Profil ab - nicht von der Popularität des Medikaments.
Kann ich Bupropion und ein SSRI zusammennehmen?
Ja, das wird manchmal gemacht - besonders wenn ein SSRI nicht vollständig wirkt, aber die sexuelle Nebenwirkung belastet. Bupropion wird dann als „Augmentation“ hinzugefügt. Aber das erhöht das Risiko für Serotonin-Syndrom und Krampfanfälle. Es sollte nur unter strenger ärztlicher Aufsicht geschehen.
Warum wird Bupropion oft als „nicht-serotonerges“ Antidepressivum bezeichnet?
Weil es fast keinen Einfluss auf Serotonin hat. Während SSRIs nur Serotonin blockieren, wirkt Bupropion auf Noradrenalin und Dopamin. Das macht es zu einem „atypischen“ Antidepressivum - und erklärt, warum es andere Nebenwirkungen hat: Es wirkt anregend, nicht sedierend, und beeinflusst nicht die sexuelle Funktion wie Serotonin.
Wie lange dauert es, bis Bupropion wirkt?
Bupropion wirkt oft schneller als SSRIs. Einige Patienten spüren mehr Energie und Konzentration bereits nach 1-2 Wochen. Die volle antidepressive Wirkung braucht aber 4-6 Wochen - genauso wie bei SSRIs. Die Unterschiede zeigen sich vor allem in den Nebenwirkungen, nicht in der Geschwindigkeit der Wirkung.
Hat Bupropion Abhängigkeitspotenzial?
Nein, Bupropion ist nicht süchtig machend. Es gehört nicht zu den Substanzen, die Dopamin massiv und sofort erhöhen wie Nikotin oder Kokain. Es wirkt langsam und sanft. Allerdings kann es zu Entzugserscheinungen kommen, wenn man es abrupt absetzt - wie bei fast allen Antidepressiva. Deshalb sollte man es langsam ausschleichen.
Warum ist Bupropion nicht das erste Mittel der Wahl bei Depressionen?
Weil SSRIs bei vielen Patienten gut wirken und ein geringeres Risiko haben - besonders bei Angst, Krampfanfällen oder Herzproblemen. Außerdem sind sie seit Jahrzehnten besser erforscht. Bupropion ist eine hervorragende Alternative - aber nicht die Standardwahl, wenn keine spezifischen Gründe dafür sprechen.
Was tun, wenn es nicht passt?
Wenn du Bupropion probierst und es nicht verträgst - keine Panik. Es gibt andere Optionen: SNRIs wie Venlafaxin, Mirtazapin, oder sogar neuere Medikamente wie Vortioxetin. Manche Ärzte kombinieren auch Medikamente mit Psychotherapie - das ist oft wirksamer als alleinige Medikation.
Die wichtigste Regel: Sprich mit deinem Arzt. Nicht mit Google. Nicht mit Reddit. Sondern mit jemandem, der deine Akte kennt, deine Geschichte versteht und deine Risiken abwägen kann. Antidepressiva sind keine Schokolade - man kann sie nicht einfach ausprobieren und zurückgeben. Aber mit der richtigen Information und Unterstützung findest du das Mittel, das nicht nur deine Stimmung hebt - sondern dein Leben nicht zusätzlich belastet.
Geschrieben von Fenja Berwald
Zeige alle Beiträge von: Fenja Berwald