Gefährliche Kombination Erkennungstool
Wenn Benzodiazepine und Opioid zusammen eingenommen werden, kann das Atmen aufhören - und zwar schneller, als viele denken. Es geht nicht um einen leichten Schwindel oder ein tieferes Einschlafen. Es geht um eine Atemdepression, die tödlich sein kann. Diese Kombination ist nicht einfach gefährlich. Sie ist explosiv. Und trotz aller Warnungen wird sie immer noch zu oft verschrieben - und zu oft missbraucht.
Wie genau stoppt diese Kombination das Atmen?
Opioid wirken direkt auf das Atemzentrum im Hirnstamm. Sie binden sich an Mu-Opioid-Rezeptoren, besonders in Bereichen wie dem Kölliker-Fuse-Parabrachial-Komplex und dem preBötzinger-Komplex. Diese Regionen steuern, wann du ein- und ausatmest. Opioid verlängern die Ausatmung, machen die Atemfrequenz langsamer - und bei hoher Dosis stoppt sie komplett. Du wirst bewusstlos, bevor du merkst, dass du nicht mehr atmest. Benzodiazepine tun etwas anderes, aber mit dem gleichen Ergebnis. Sie verstärken die Wirkung von GABA, dem Haupt-Bremssignal des Nervensystems. Das klingt harmlos, bis du verstehst: GABA hemmt auch die Atemzentren. Bei einzelner Einnahme ist das meist kein Problem - der Körper kompensiert. Aber wenn Benzodiazepine mit Opioid zusammenkommen, verstärken sie sich gegenseitig. Es ist nicht 1 + 1 = 2. Es ist 1 + 1 = 5. Die Atemkontrolle bricht zusammen, weil zwei unterschiedliche Mechanismen gleichzeitig das Atmen abschalten. Eine Studie aus dem Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics zeigte: Wenn Fentanyl und Midazolam zusammen gegeben wurden, sank die Atemleistung um 78%. Allein Fentanyl senkte sie um 45%, Midazolam allein nur um 28%. Die Kombination ist nicht nur additiv - sie ist synergistisch. Und das bedeutet: Selbst niedrige Dosen können tödlich sein.Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Die CDC (Centers for Disease Control and Prevention) berichtet, dass Benzodiazepine in 16% aller Opioid-Todesfälle 2019 nachgewiesen wurden. Bei illiciten Opioiden wie Heroin oder Fentanyl war es sogar fast ein Viertel der Todesfälle. In der Schweiz ist die Situation ähnlich: Die Zahl der Todesfälle durch Kombinationsüberdosen hat sich seit 1999 mehr als verzehnfacht. 2019 lag die Rate bei 3,8 Todesfällen pro 100.000 Einwohner - das ist ein Anstieg von 1.800% in nur zwei Jahrzehnten. Die Zahlen zeigen auch, wer am meisten betroffen ist: Menschen zwischen 45 und 64 Jahren. Oft sind das Menschen mit chronischen Schmerzen, die auch unter Angstzuständen leiden. Ärzte verschreiben ihnen Opioid für den Schmerz und Benzodiazepin für die Angst - ohne zu wissen, wie tödlich diese Kombination sein kann. Die CDC warnt: Wer beide Medikamente zusammen nimmt, hat ein zehnfach höheres Risiko, an einer Opioid-Überdosis zu sterben, als jemand, der nur Opioid nimmt.Warum wird das trotzdem noch verschrieben?
Es ist kein Mangel an Wissen. Die FDA hat 2016 eine sogenannte Black-Box-Warnung herausgegeben - die strengste Warnung, die es gibt. Sie sagt klar: Die Kombination kann zu Atemstillstand, Koma und Tod führen. Die American Society of Anesthesiologists sagt: „Vermeiden Sie diese Kombination, wenn möglich.“ Trotzdem: 2022 waren noch 8,7% der Patienten mit langfristiger Opioid-Therapie auch mit Benzodiazepin behandelt. Warum? Weil es oft einfacher ist, ein weiteres Medikament zu verschreiben, als komplexe Alternativen zu finden. Weil Angstzustände schwer zu behandeln sind. Weil Patienten oft dringend etwas brauchen, das schnell wirkt. Aber das ist keine Lösung. Es ist eine Falle. Und viele wissen es nicht. Ein Patient, der Xanax für seine Angst nimmt und Oxycodon für seinen Rückenschmerz, denkt: „Ich nehme nur, was mir der Arzt gegeben hat.“ Er weiß nicht, dass diese beiden Pillen gemeinsam sein Atmen stoppen können - selbst wenn er sie zu verschiedenen Zeiten nimmt.
Was kann man tun? Alternativen gibt es
Es gibt Wege, Schmerz und Angst zu behandeln - ohne diese tödliche Kombination. Für Angstzustände: Buspiron ist ein nicht-benzodiazepinartiges Anxiolytikum, das keine Atemdepression verursacht. SSRIs wie Sertralin oder Escitalopram wirken langsam, aber sicher - und sind viel sicherer, wenn sie mit Opioid kombiniert werden. Auch Psychotherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie, hat sich als effektiv erwiesen - und hat keine physischen Nebenwirkungen. Für Schmerzen: Nicht-opioidale Schmerzmittel wie Paracetamol, Ibuprofen oder Gabapentin können oft genügen. Physiotherapie, Akupunktur, Bewegungstherapie und sogar Meditation haben bei chronischen Schmerzen nachweislich gute Ergebnisse gezeigt. Oft braucht man nicht mehr als eine Kombination aus diesen Ansätzen. Wenn Opioid wirklich nötig ist - zum Beispiel nach einer Operation oder bei Krebs - dann sollte Benzodiazepin strikt vermieden werden. Falls nicht anders möglich, dann nur mit extrem niedrigen Dosen, kurzer Dauer und unter strenger Überwachung. Und immer mit klaren Warnungen an den Patienten: „Wenn du dich schläfrig fühlst, oder deine Atmung flach wird - ruf sofort Hilfe.“Was passiert bei einer Überdosis? Und was hilft?
Naloxon - das Medikament, das bei Opioid-Überdosen lebensrettend wirkt - hat keine Wirkung auf Benzodiazepine. Es kann die Opioid-Wirkung umkehren, aber nicht die GABA-verstärkte Atemdepression. Das bedeutet: Ein Patient, der Opioid und Benzodiazepin zusammen eingenommen hat, könnte nach Naloxon wieder atmen - aber nur kurz. Dann fällt er wieder in die Atemdepression, weil das Benzodiazepin noch im Körper ist. Das ist eine der größten Gefahren. Viele denken: „Ich gebe Naloxon, und alles ist gut.“ Aber das ist falsch. Die Behandlung muss weitergehen: Beatmung, Überwachung, oft sogar Intensivstation. Und selbst dann ist der Tod nicht ausgeschlossen. Neue Forschung versucht, Lösungen zu finden. Ein Experiment mit dem Wirkstoff CX1739 zeigte, dass er die Atemfrequenz bei Ratten wiederherstellen konnte, die eine Kombination aus Fentanyl und Alprazolam bekommen hatten. Aber das ist noch in der Forschungsphase. Es gibt noch kein Medikament, das beide Wirkungen gleichzeitig aufhebt.
Was kann jeder tun?
Wenn du oder jemand, den du kennst, Opioid einnimmt:- Vermeide Benzodiazepine - egal ob verschrieben oder nicht.
- Wenn du Angst hast, sprich mit deinem Arzt über andere Behandlungen - nicht über mehr Pillen.
- Informiere deine Familie oder Freunde: Sag ihnen, welche Medikamente du nimmst. Und was sie tun sollen, wenn du nicht mehr antwortest.
- Habe Naloxon griffbereit - auch wenn du nur Opioid nimmst. Es kann Leben retten.
- Wenn du eine Überdosis vermutest - rufe sofort den Notruf. Warte nicht. Zögere nicht.
Die meisten Todesfälle passieren nicht in der Nacht, sondern in der Stille. In einem Wohnzimmer. In einem Bett. Nach einem langen Tag. Der Körper wird müde. Die Atemfrequenz sinkt. Und dann - still.
Warum ist das heute noch ein Problem?
Weil wir zu lange dachten, Medikamente seien sicher, wenn sie verschrieben werden. Weil wir Angst als „nur psychisch“ abgetan haben. Weil wir dachten, wenn jemand „nur“ ein Beruhigungsmittel nimmt, sei das harmlos. Aber das ist eine tödliche Illusion. Die Zahlen zeigen: Jeder zehnte Todesfall durch Opioid ist mit Benzodiazepin verbunden. Das ist kein Zufall. Das ist ein Systemfehler. Und er lässt sich beheben - mit Wissen, mit Alternativen und mit Mut, Nein zu sagen, wenn es gefährlich wird.Es ist nicht zu spät. Aber es wird Zeit, dass wir aufhören, diese Kombination als „normal“ zu akzeptieren. Sie ist es nicht. Sie ist tödlich. Und sie muss aufhören.
Geschrieben von Fenja Berwald
Zeige alle Beiträge von: Fenja Berwald