Stellen Sie sich vor, Sie oder Ihr Kind bekommen eine einfache Harnwegsinfektion. Der Arzt verschreibt Amoxicillin - ein Medikament, das seit Jahrzehnten sicher und wirksam ist. Aber die Apotheke hat es nicht. Nicht heute. Nicht nächste Woche. Und auch nicht in den nächsten Monaten. Das ist keine Science-Fiction. Das ist Realität - in der Schweiz, in den USA, in Indien, in Kenia. Antibiotika-Knappheit ist keine Randerscheinung mehr. Sie ist eine akute Bedrohung für die moderne Medizin.
Warum fehlen genau diese Medikamente?
Antibiotika sind keine Luxusprodukte. Sie sind die Grundlage der modernen Medizin. Ohne sie werden Operationen, Chemotherapien und even einfache Wundbehandlungen lebensgefährlich. Doch die Produktion dieser Medikamente ist wirtschaftlich unattraktiv. Hersteller verdienen mit Antibiotika kaum Geld. Ein einzelner Packung Amoxicillin kostet in vielen Ländern weniger als einen Euro. Gleichzeitig steigen die Produktionskosten: strenge Hygienevorschriften, Kontrollen, Qualitätsprüfungen - alles kostet. Und da die Preise niedrig sind, lohnt es sich nicht, in moderne Fabriken zu investieren. Die meisten Antibiotika werden in Indien und China hergestellt. Politische Unruhen, Lieferkettenprobleme, Exportbeschränkungen - alles kann die Produktion lahmlegen. Brexit hat zum Beispiel die Zahl der Arzneimittelknappheiten im Vereinigten Königreich von 648 im Jahr 2020 auf 1.634 im Jahr 2023 erhöht. Die Europäische Rechnungshof hat festgestellt: Regulierungsbehörden überwachen die Produktionsstätten nicht ausreichend. Es gibt keine Strafen für Hersteller, die ihre Lieferverpflichtungen nicht erfüllen.Was passiert, wenn Antibiotika fehlen?
Wenn ein Antibiotikum ausverkauft ist, gibt es oft keine gleichwertige Alternative. Bei einer einfachen Lungenentzündung könnte man sonst Amoxicillin mit Clavulansäure geben. Aber wenn es nicht da ist, bleibt nur ein breiteres, stärkeres Medikament - zum Beispiel ein Carbapenem. Das ist wie eine Kanone gegen eine Fliege. Und diese Kanonen beschleunigen die Resistenzentwicklung. Weltweit sind bereits 40 % der E. coli-Infektionen und 55 % der K. pneumoniae-Infektionen gegen gängige Cephalosporine resistent. Wenn diese Antibiotika nicht mehr wirken, bleibt nur noch Colistin - ein Medikament mit schweren Nebenwirkungen, das nur als letzte Option eingesetzt werden sollte. In Kalifornien berichten Ärzte, dass sie Colistin jetzt für einfache Harnwegsinfektionen verwenden, weil nichts anderes verfügbar ist.Die Folgen für Patienten
Patienten zahlen den Preis. In den USA hat eine Umfrage unter Krankenhauspharmazeuten ergeben: 78 % mussten ihre Behandlungspläne ändern, weil Antibiotika fehlten. 62 % berichteten von mehr Komplikationen bei Patienten. In ländlichen Gebieten Kenias schicken Krankenschwestern Patienten mit schweren Infektionen nach Hause - einfach weil Penicillin nicht da ist. Eine Mutter aus Mumbai erzählte, dass ihre Tochter siebenunddreißig Stunden ohne Behandlung bleiben musste, weil Azithromycin nicht verfügbar war. Die Lungenentzündung verschlimmerte sich. Das Kind musste auf die Intensivstation. In der Schweiz ist die Situation noch nicht so dramatisch - aber die Vorbereitung ist unzureichend. Krankenhäuser haben keine klaren Pläne, wie sie mit langfristigen Engpässen umgehen sollen.
Warum ist das anders als bei anderen Medikamenten?
Wenn ein Blutdruckmittel fehlt, gibt es oft zehn andere, die ähnlich wirken. Bei Antibiotika ist das nicht der Fall. Jeder Keim reagiert nur auf bestimmte Substanzen. Und viele Infektionen sind bereits resistent. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Antibiotikum ausfällt, 42 % höher als bei anderen Medikamenten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt das eine „Syndemie“: eine Kombination aus Resistenz und unzureichender Behandlung. In Afrika ist ein Fünftel aller Infektionen nicht mehr behandelbar. In Südostasien und dem östlichen Mittelmeerraum ist es sogar jeder dritte Fall. Die WHO hat 37 Antibiotika offiziell als knapp eingestuft - und das ist nur die Spitze des Eisbergs.Was tun Krankenhäuser?
Einige Krankenhäuser haben Strategien entwickelt. Das Johns Hopkins Hospital in Baltimore hat ein Antibiotikastewardship-Programm eingeführt. Mit schnellen Labortests erkennen sie, welcher Keim genau vorliegt - und verschreiben dann gezielt das richtige Antibiotikum. So konnten sie den unnötigen Einsatz von Breitbandantibiotika um 37 % reduzieren. Andere Krankenhäuser in Kalifornien haben regionale Netzwerke gebildet: Wenn ein Krankenhaus kein Medikament hat, holt es es von einem Nachbarn. Das hat die Auswirkungen von Engpässen um 43 % verringert. Aber solche Programme brauchen Zeit, Geld und Expertise. Nur 37 % der US-Krankenhäuser erfüllen alle WHO-Standards. In vielen Orten fehlt es an Schulungen, an Personal, an klaren Richtlinien.
Die wirtschaftliche Wurzel des Problems
Der globale Markt für Antibiotika war 2024 38,7 Milliarden Dollar wert - aber er wächst nur mit 1,2 % pro Jahr. Die gesamte Pharmaindustrie wächst mit 5,7 %. Warum? Weil Antibiotika billig sind. Die Preise für generische Antibiotika sind seit 2015 um 27 % gefallen. Gleichzeitig sind die Kosten für die Produktion um 34 % gestiegen. Hersteller machen Verluste. Sie investieren nicht in neue Fabriken. Sie stellen lieber teurere Krebsmedikamente oder Diabetesmittel her - wo die Gewinnmargen höher sind. Die Europäische Kommission und die US-amerikanische FDA versuchen, das zu ändern: Die FDA hat Ende 2024 zwei neue Produktionsstätten für kritische Antibiotika genehmigt. Sie sollen bis Ende 2025 15 % der aktuellen Engpässe abbauen. Aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Die WHO hat ein globales Versorgungsprogramm mit 500 Millionen Dollar aus den G7-Ländern angekündigt - aber bis 2027 wird es dauern, bis es wirkt.Was kann passieren, wenn nichts passiert?
Ohne drastische Veränderungen wird die Lage bis 2030 um 40 % schlimmer. Eine Studie prognostiziert, dass dann jährlich 1,2 Millionen Menschen mehr an Infektionen sterben - an Krankheiten, die heute heilbar sind. Die WHO hat das Ziel, bis 2030 70 % aller Antibiotika aus der „Zugang“-Kategorie zu verwenden - also die sichersten, am wenigsten resistenzfördernden. Aktuell liegt der Anteil bei nur 58 %. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist ein Rückschritt in die Zeit vor Penicillin. Wenn wir nicht handeln, wird die Medizin zurückfallen. Operationen werden riskant. Kindersterblichkeit steigt. Wir kehren in eine Welt zurück, in der eine einfache Wunde tödlich sein kann.Was können wir tun?
Individuell können wir nichts gegen Fabrikengpässe tun. Aber wir können verantwortungsvoll mit Antibiotika umgehen. Keine Selbstmedikation. Kein Drängen auf Antibiotika bei Virusinfektionen. Kein Absetzen der Tabletten, sobald es besser ist. Jede unnötige Einnahme beschleunigt die Resistenz. Und wir können politisch werden: Fragen Sie Ärzte, Apotheker, Politiker: Haben Sie einen Plan für Antibiotika-Knappheit? Was tut Ihr Krankenhaus? Was tut Ihre Regierung? Die Lösung liegt nicht nur in mehr Produktion. Sie liegt in fairen Preisen, in besseren Anreizen für Hersteller, in globaler Zusammenarbeit. Und vor allem: in der Erkenntnis, dass Antibiotika kein normales Medikament sind. Sie sind ein öffentliches Gut - wie sauberes Wasser oder Impfstoffe. Und sie müssen geschützt werden, bevor es zu spät ist.Warum gibt es überhaupt Antibiotika-Knappheit?
Antibiotika-Knappheit entsteht, weil die Herstellung unrentabel ist. Die Preise sind niedrig, die Produktionskosten hoch - besonders für sterile Spritzen. Hersteller investieren lieber in profitablere Medikamente wie Krebsmittel. Zudem sind viele Antibiotika in wenigen Ländern wie Indien und China produziert. Politische oder logistische Probleme dort führen sofort zu Lieferengpässen. Regulierungsbehörden überwachen die Fabriken oft unzureichend.
Welche Antibiotika sind am häufigsten betroffen?
Besonders betroffen sind Penicillin G Benzathin (seit 2015 knapp), Amoxicillin und Amoxicillin mit Clavulansäure. Auch Cephalosporine und einige Breitbandantibiotika wie Carbapeneme werden immer seltener verfügbar. In den USA waren Ende 2024 147 Antibiotika offiziell in Mangel. In der Europäischen Wirtschaftszone gelten 14 von 28 Ländern die Knappheit als „kritisch“.
Was passiert, wenn kein Antibiotikum mehr verfügbar ist?
Ärzte müssen auf weniger wirksame, giftigere oder breiter wirkende Medikamente ausweichen - zum Beispiel Colistin. Das beschleunigt die Entwicklung von Resistenzen. Patienten warten länger, bekommen schlechtere Behandlungen, leiden mehr Komplikationen. In ländlichen Gebieten wird oft gar nichts mehr gegeben - Patienten gehen nach Hause, ohne Behandlung. Das führt zu mehr Todesfällen bei Infektionen, die früher leicht heilbar waren.
Ist Antibiotika-Knappheit nur ein Problem in armen Ländern?
Nein. Obwohl niedrig- und mittelinkommensländer schwerer betroffen sind - 70 % der Antibiotika sind dort nicht zugänglich - ist die Knappheit auch in reichen Ländern akut. Die USA haben 2024 einen Zehnjahreshöchststand an Engpässen erreicht. In der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden gibt es bereits Lieferprobleme bei wichtigen Antibiotika. Brexit hat die Versorgung im Vereinigten Königreich massiv beeinträchtigt. Es ist ein globales Problem.
Was tun Krankenhäuser, wenn Antibiotika fehlen?
Viele Krankenhäuser haben Antibiotikastewardship-Programme eingeführt: Sie nutzen schnelle Labortests, um genau zu bestimmen, welcher Keim vorliegt, und dann gezielt das wirksamste Antibiotikum zu verschreiben - nicht das breiteste. Einige bilden regionale Netzwerke, um Medikamente zu teilen. Andere rationieren streng oder wechseln auf Alternativen - oft mit höherem Risiko. Aber nur 37 % der US-Krankenhäuser erfüllen alle WHO-Standards. Die meisten haben keine klaren Pläne.
Wie kann ich als Patient helfen?
Sie können Antibiotika nicht direkt beschaffen - aber Sie können ihren Missbrauch stoppen. Nehmen Sie sie nur ein, wenn ein Arzt sie verschreibt. Beenden Sie die Einnahme nie vorzeitig, auch wenn Sie sich besser fühlen. Fragen Sie, ob eine Infektion wirklich bakteriell ist - Viren reagieren nicht auf Antibiotika. Und sprechen Sie mit Ihren Politikern: Was tut die Schweiz, um die Versorgung zu sichern? Ihre Stimme zählt.
Geschrieben von Fenja Berwald
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